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Außenminister Waschadse arbeitete in den 80er-Jahren als Diplomat im Außenministerium der UdSSR.

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Georgische Polizisten, seit der Antikorruptionsreform sonst recht beliebt, bekommen den Zorn abchasischer und südossetischer Flüchtlinge zu spüren, die aus Tiflis abgesiedelt werden sollen.

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Georgien hätte gern zivilisierte Beziehungen zu Russland, erklärt der Außenminister Grigol Waschadse im Gespräch mit Markus Bernath in Tiflis. Doch auf die Gewaltverzichtserklärung des georgischen Präsidenten antwortet Moskau nicht.

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Standard: Präsident und Regierung in Georgien sitzen offensichtlich wieder fest im Sattel. Sind sie so genial, oder ist die Opposition so schwach?

Waschadse: Danke für die freundliche Einschätzung. Nein, die Opposition ist nicht schwach, sie ist gut organisiert, innerhalb wie außerhalb des Parlaments. Wir sitzen fest im Sattel, weil die Bürger uns das Mandat gegeben haben. (Die Regierungspartei gewann 2010 mit großem Vorsprung die ersten Wahlen nach dem Krieg, Anm.) Die Georgier sind, ich würde nicht sagen glücklich, aber ziemlich zufrieden mit der Arbeit, die die Regierung seit dem Ende des Kriegs geleistet hat. Außenpolitisch haben wir vor allem Russlands Offensive bei der internationalen Anerkennung der besetzten Gebiete gestoppt. Wir haben bewiesen, dass Georgien nichts mit dem Krieg zu tun hatte und dass dieser Krieg eine gut geplante Aggression Russlands war.

Standard: Die internationale Untersuchungskommission kam zu einem ausgewogeneren Urteil.

Waschadse: Wenn Sie den Bericht genau lesen, dann bestätigt er zu 99 Prozent den georgischen Standpunkt, ein Prozent ist politische Korrektheit. Und offen gesagt, ich brauche keine internationale Untersuchung, um zu wissen, was im Sommer 2008 geschehen ist. Es war ein krimineller Akt, den Russland gegen einen souveränen Nachbarn begangen hat. Die internationale Gemeinschaft hat das bestätigt. Der Vorstoß des georgischen Präsidenten für eine Gewaltverzichtserklärung, die er im Europaparlament am 23. November 2010 abgab, hat die Situation geklärt. Er hat gezeigt, wer Frieden im Kaukasus will und wer nicht.

Standard: Russland hat nicht auf diese Gewaltverzichtserklärung geantwortet. Was ist Russland heute für Georgien? Ein Feind, jemand, mit dem man nicht reden kann, aber reden muss?

Waschadse: Wenn man die besetzten Gebiete betrachtet, das Ergebnis der ethnischen Säuberungen, die feindselige Politik gegenüber dem unabhängigen Georgien seit den 1990er-Jahren, dann kann man natürlich sagen, dass Russland ein Feind unseres Staates und unserer Nation ist. Aber wir wollen Russland nicht dieses Etikett geben. Wir hoffen aufrichtig, dass der Kreml und eine künftige russische Regierung verstehen, dass es im gegenseitigen Interesse ist, normale zivilisierte Beziehungen mit einem liberalen, demokratischen und territorial intakten Georgien zu haben.

Standard: Der georgische Präsident hat Russland kürzlich in einer Frage-und-Antwort-Runde im Fernsehen als "Feind" bezeichnet.

Waschadse: Der Präsident hat genau das gesagt, was ich gesagt habe. Wenn Sie Russlands gegenwärtige Handlungen betrachten, könnten Sie zu dem Schluss kommen, dass Russlands Politik feindselig ist. Aber der Präsident sagte auch, dass er dies gerne so schnell wie möglich geändert sehen möchte. Es gibt keine andere Lösung als den Dialog und eine ehrliche, objektive Herangehensweise zu diesen Problemen.

Standard: Ist das mit der gegenwärtigen russischen Führung möglich? Präsident Saakaschwili hat von der "Mentalität eines Reptils" gesprochen.

Waschadse: Er ist sehr eloquent, wenn es um die Beschreibung Russlands geht. Ich kann ihm dabei nur folgen: Ja, Russland folgt seinen Instinkten und schnappt sich, was es glaubt, es gehöre ihm. (Das Interview führte Markus Bernath, STANDARD-Printausgabe, 08.03.2011)