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Wien/Washington - William H. Gross, der wohl bekannteste Anleiheninvestor der Welt, lässt sich lange Zeit, ehe er die Bombe platzen lässt. Er beginnt seinen auf der Website seines Arbeitgebers Pimco veröffentlichten Beitrag über die Verschuldung der USA mit Anekdoten über das Trinkgeldgeben in den 60er-Jahren. Dann holt er aus und kommt auf den Punkt. Der von ihm verwaltete Pimco-Fonds Total Return (Vermögen: 170 Milliarden Euro) habe sich Ende Februar von allen US-Schuldpapieren getrennt, schreibt Gross. Die Begründung dafür hat es in sich.

Die US-Notenbank Fed führt seit November ein Programm zur Stützung der amerikanischen Wirtschaft durch. Im Rahmen dieses Quantitative Easing II (die erste Runde gab es 2009) wird die Fed bis Ende Juni 600 Milliarden Dollar an US-Staatsanleihen kaufen. Durch den Kauf der Papiere sollen die Kosten der Anleihen nach oben gedrückt werden. Dadurch steigt das allgemeine Preisniveau, eine Deflation wird unwahrscheinlicher. Gleichzeitig sinken die Zinsen, was die Banken im Rahmen ihrer Kreditvergabe an Kunden weitergeben sollen.

14.000 Milliarden Schulden

Doch den 30. Juni 2011, der Tag an dem das Programm auslaufen wird, vergleicht Gross mit dem "D-Day", dem 6. Juni 1944, als die Alliierten in der Normandie landeten. Laut Gross hat die Fed seit November 70 Prozent aller neuen US-Staatsanleihen gekauft. Private Investoren spielten kaum noch eine Rolle. Die Folge: Steigt die Fed aus, werden die Anleihenkurse verfallen und die Zinsen für Staatspapiere hochschießen, prognostiziert Gross und begründet damit den Verkauf der Papiere. Seine Meinung werten Finanzanalysten als ziemlich harten Schlag für USA.

"Gross ist nur ein Anleger, er kann den Markt nicht auf den Kopf stellen. Aber seine Meinung bewegt viele Investoren. Seine Ansichten werden die Leute bestärken, dass die USA turbulenten Zeiten entgegensteuern", meint Bernd Weidensteiner von der Commerzbank im Standard-Gespräch. Weidensteiner attestiert zwar den USA langfristig die höchsten Wachstumsraten aller großen Industrienationen. "Die Bevölkerung wächst, die Produktivität ist hoch", so Weidensteiner. Doch kurzfristig seien die USA im Schuldensumpf gefangen. Die Commerzbank rechnet bis Jahresende damit, dass die Zinshöhe für zehnjährige Staatsanleihen von derzeit rund 3,4 Prozent auf vier Prozent hochschnellt.

Eine Verteuerung ihres Schuldendienstes können die USA derzeit aber gar nicht gebrauchen. Der Schuldenstand der Bundesregierung liegt bei über 14,03 Billionen Dollar, das Defizit bei rund zehn Prozent. Demokraten und Republikaner (die das Repräsentantenhaus dominieren) können sich derzeit nicht auf Einsparungen einigen. Gestritten wird über das Budget für das Finanzjahr 2011 (das Anfang Oktober ausläuft). Die Republikaner wollen 54 Milliarden Dollar kürzen, die Demokraten sind bereit, vier Milliarden zu geben. Ein Budgetprovisorium läuft noch bis Ende März - gelingt bis dahin keine Einigung müsste die US-Regierung zusperren.(András Szigetvari, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 11.3.2011)