Noch wiegelt Japans Regierung ab: Die Situation sei unter Kontrolle. Doch Hideyasu Ban, Chef der Bürgergruppe "Citizen's Nuclear Information Center" (CNIC) und früher bei der japanischen Atomplanungskommission, warnt: "Von den zehn Meilern der zwei Anlagen in Fukushima droht bei sieben eine Kernschmelze."

Unterstützt werden Japans Atomkraftgegner von einem ausgewiesenen Experten: Masashi Goto, bis vor kurzem bei Toshiba mit zuständig für das Design des Sicherheitsbehälters im Katastrophenreaktor. Seine Botschaft: Ein zweites Tschernobyl kann nicht ausgeschlossen werden. "Meine große Sorge ist, dass eine Explosion in einem Reaktor auch Auswirkungen auf die anderen haben könnte", sagt Goto.

Seit Jahrzehnten setzt Japan auf Atomkraft, um das ressourcenarme Land unabhängiger von Erdöl zu machen - allen Warnungen vor Erdbeben zum Trotz.

55 Meiler produzieren 34 Prozent des Stroms für die 127 Millionen Einwohner. Die Regierung will den Anteil langfristig sogar auf 70 Prozent erhöhen. Gerechtfertigt wurde dieses Vorhaben mit der angeblichen Erdbebensicherheit japanischer Kraftwerke - ein Trugschluss, wie man jetzt weiß.

Jahrelange stille Skepsis

Lange Zeit hat die Bevölkerung nicht protestiert, obwohl schwere Unfälle die stille Skepsis stets steigen ließen. 1994 kam es in einem experimentellen Schnellen Brüter zu einem schweren Brand. 1999 vollzog sich in einem Atomforschungszentrum eine Kettenreaktion, als drei Mitarbeiter mit hochangereichertem Uran hantierten.

2007 gab es einen weiteren Warnschuss: Ein Erdbeben direkt unter dem weltgrößten Kraftwerkkomplex in Kashiwazaki-Karima. Das Beben war fast dreimal stärker als das schlimmste für die Region erwartete. Auch in diesem Fall brannte es, und Strahlung trat aus, aber Schlimmeres konnte verhindert werden. Die Regierung organisierte danach Pressetouren. "Unsere Reaktoren haben große Sicherheitsmargen", hieß es.

"Die Politik in Japan wird sich erst ändern, wenn wir tatsächlich einen GAU haben", warnte damals Katsuhiko Ishibashi, Seismologe der Universität Kobe. Doch die Regierung trieb den Ausbau der Atomenergie voran und brachte sogar den experimentellen Schnellen Brüter wieder ans Netz.

Das jüngste Beben war mit Stärke 9,0 nicht nur dreimal, sondern gleich zehnmal stärker als für möglich gehalten, und die Reaktoren haben nicht standgehalten.

Das Horrorszenario aller Planer ist das sogenannte Tokai-Erdbeben, dass jederzeit die südlich von Tokio gelegene Präfektur Shizuoka erschüttern kann. Sollte dort das AKW Hamaoka explodieren, ist Tokio extrem gefährdet, weil den Großteil des Jahres der Wind Richtung Hauptstadt bläst.

CNIC-Chef Ban fordert daher den raschen Ausstieg aus der Atomenergie. Diesmal rechnet er damit, mehr Gehör zu finden, denn die Japaner hat das Drama des Atomkraftwerks Fukushima mittlerweile wirklich in Angst versetzt. "Erdbeben sind wir gewöhnt, da wissen wir, was zu tun ist", sagt Shuji Yoshida, Geologe der Chiba-Universität. "Aber ein Atomunfall ist unbekannt für uns." Und der nuklearen Wolke könne man nicht entkommen. Der Widerstand gegen den Bau neuer AKW werde nun jedenfalls stark steigen. (Martin Kölling aus Tokio, DER STANDARD, Printausgabe, 14.3.2011)