Hartmut Häußermann ist Soziologieprofessor an der Humboldt-Universität in Berlin, thematische Schwerpunkte: Stadtpolitik, Segregation und Migration in der Stadt. Für den Berliner Senat hat er die Studie "Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2010" verfasst.

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Kurzfassung der Studie "Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2010"

Gewalt, Hartz IV, gescheiterte Integration: Bisher haftete vor allem dem Bezirk Neukölln das Negativ-Image als sozialer Brennpunkt Deutschlands an. Allmählich verschieben sich die sozialen Probleme allerdings an den Rand der Metropole Berlin. Im derStandard.at-Interview spricht der Stadtforscher Hartmut Häußermann über "soziale Ghettos" und "Leck-Mich-Am-Arsch"-Haltung und erklärt, warum die soziale Spaltung in schöne Viertel für Reiche – und Vorstädte für Arme droht.

derStandard.at: Sie warnen in Ihrer Studie, dass die Berliner Vorstädte drohen, zu den "Slums des 21. Jahrhunderts" zu werden. Sie haben in dem Zusammenhang von einem Gebiet mit "niedrigem Entwicklungsindex" und hoher "sozialer Problemdichte" gesprochen. Was heißt das konkret?

Hartmut Häußermann: In den Räumen, in die wir Berlin aufgeteilt haben – 440 Teilräume – werden Arbeitslosigkeit, Langzeitarbeitslosigkeit, Kinderarmut und Transferbezug – also Sozialhilfe-Abhängigkeit – anhand von Zahlen gemessen werden. Diese Zahlen kommen von den Ämtern und anhand von ihnen stellen wir fest, wo die Konzentration sehr hoch ist und wo weniger, wo sie zunimmt und wo ab. Das wird in einem Index, eben dem Entwicklungsindex, ausgedrückt.

derStandard.at: Und was meinen Sie konkret mit "sozialer Problemdichte"?

Hartmut Häußermann: Dass in einem Viertel ein sehr hoher Anteil von Haushalten lebt, die arbeitslos oder sozialhilfeabhängig sind oder wo Familien Transferbezüge haben, also in armen Haushalten leben. Wo diese Konzentration hoch ist, gibt es eine hohe Problemdichte.

derStandard.at: Nord-Neukölln, Kreuzberg und andere Arbeiter- und Migrantenviertel wandeln sich zu begehrten Wohnlagen, woran liegt das?

Hartmut Häußermann: Es gibt zwei Wege, auf dem Haushalte eine Wohnung finden: Das eine ist der Wohnungsmarkt, da entscheidet natürlich das Einkommen, wo man wohnen kann. Die, die ein geringes Einkommen haben, müssen da wohnen, wo die anderen nicht wohnen wollen. Da diejenigen, die wenig Einkommen haben, zunehmend auf diese Viertel angewiesen sind, konzentrieren sie sich dort, insbesondere wenn es diesen Prozess der Aufwertung von innerstädtischen Altbaugebieten gibt, die früher Rückzugsgebiete für ärmere Haushalte waren. Wenn die nicht-sanierten Bestände zunehmend saniert werden, verschiebt sich die Armut zusehends an den Rand.

derStandard.at: Die Probleme verschieben sich an den Rand und verdichten sich dort noch einmal?

Hartmut Häußermann: Ja, weil die Menschen eben in den Innenstädten keine Wohnungen mehr finden. Oder sogar, weil sie durch die Bundesagentur für Arbeit gezwungen werden, umzuziehen, wenn ihre gegenwärtige Miete – wenn sie etwa arbeitslos geworden sind – nach den Richtlinien zu hoch ist oder die Wohnung zu groß ist. Dann finden sie halt nur mehr in bestimmten Bereichen eine Wohnung.

Neukölln etwa gehört nach wie vor zu den Gebieten mit einer hohen Problemdichte. Allerdings gibt es am Rand von Neukölln, der an Kreuzberg angrenzt, Veränderungen. In Kreuzberg ist die Aufwertung im Gange und da dort die Wohnungen im niedrigen Preissegment immer weniger werden, weichen die mit geringerem Einkommen nach Neukölln aus. Aber das sind jetzt nicht mehr arbeitslos gewordene, unqualifizierte Arbeiter und Migranten, sondern auch junge Leute mit höherer Bildung, Studenten, Künstler und so weiter, die hohes kulturelles Kapital haben, aber wenig Geld. Die werden dann in diesen Kiezen stärker bemerkbar.

derStandard.at: Der Spiegel spricht hier von den "neuen Ghettos". Würden Sie das auch so bezeichnen?

Hartmut Häußermann: Das, was da im Spiegel beschrieben ist, kann natürlich in einzelnen Bereichen heute schon so sein. So genau kenne ich alle Viertel auch nicht. Ein Ghetto ist im sozialwissenschaftlichen Sinne ein soziales Ghetto. Wir haben keine ummauerten Ghettos wie im Mittelalter oder so scharf segregierte Viertel wie man sie aus den USA kennt, wo die Leute nach rassischen Gesichtspunkten scharf getrennt sind. Aber es gibt soetwas wie soziale Ghettos, wo sich sozial ausgegrenzte oder am Rande der Gesellschaft befindliche Haushalte konzentrieren, die nur untereinander Kontakt haben.

derStandard.at: Sie warnen vor Segregation. Was hat das für konkrete Folgen, wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht miteinander in Kontakt treten?

Hartmut Häußermann: Wir gehen davon aus, dass die hohe Konzentration von Haushalten mit Arbeitslosigkeit oder Transferabhängigkeit dazu führt, dass diese Menschen noch stärker ausgegrenzt werden als sie es aufgrund ihrer Situation am Rande der Stadt ohnehin sind. Wenn sich dort geschlossene Kommunikations- und Beziehungskreisläufe von Leuten bilden, die keine Beziehungen mehr über die Arbeit oder andere Kontakte in die übrige Stadt haben, dann entstehen dort zwangsweise Subkulturen und Milieus, die immer weiter benachteiligend wirken. Insbesondere gilt das in den Schulen. Wenn sie Kinder in den Schulen haben, die aus so genannten bildungsfernen Haushalten kommen, dann sinkt dort das Leistungsniveau. Insgesamt haben Kinder dann sehr schlechte Zukunftschancen, weil sie keine Bildungskarriere machen.

derStandard.at: Ellen Haußdörfer, SPD-Abgeordnete im Berliner Abgeordnetenhaus, hat nach ihrem Besuch in Paris gemeint, dass Berlin drohe, sich in Richtung der Pariser Banlieue zu entwickeln. Sehen Sei diese Gefahr auch?

Hartmut Häußermann: Zu sagen, dass sich das bei uns genauso entwickelt, ist ein bisschen übertrieben. Wir haben keine solchen Gebiete, die so weit außerhalb der Stadt liegen und so weit abgehängt sind, wie das bei der Banlieue in der Umgebung von Paris oder anderen großen Städten der Fall ist. Wir haben auch nicht so eine extreme Segregation von Migranten, aber in der Tendenz könnte es schon sein, dass es in diese Richtung geht.

derStandard.at: Der Migrantenanteil in diesen Gebieten ist relativ gering, im Kosmos-Viertel in Altglienicke etwa liegt er bei unter fünf Prozent. Extrem nationalistische Parteien wie die NPD (Nationaldemokratische Partei Deutschlands) haben dort relativ viel Zuspruch. Der Spiegel zitiert hier einen Bewohner, der von "White Trash" spricht, von einer verwahrlosten weißen Unterschicht.

Hartmut Häußermann: "White Trash" ist natürlich ein diffamierender und stigmatisierender Ausdruck, man könnte sagen, das sind die Verlierer des ökonomischen Wandels, die sich dort konzentrieren, egal ob das jetzt Migranten sind oder nicht. Wir haben in Berlin, was die Verteilung der Migranten angeht, fast eine Zweiteilung entlang der einstigen Mauer. Im Westen haben wir hohe Migrantenanteile, im Osten niedrige. Großsiedlungen am Rande der Stadt gibt es in Ost und West. Im Westen gibt es in diesen Gebieten üblicherweise einen hohen Migrantenanteil, im Osten weniger.

derStandard.at: Mittlerweile leben in diesen Hochhaussiedlungen am Rande der Metropole 420.000 der 3,45 Millionen Berliner. Ist das schleichend und unbemerkt passiert?

Hartmut Häußermann: Diese Großsiedlungen gibt es schon seit den Sechzigern, Siebzigern oder Achtzigern. Die Plattenbausiedlungen waren Wohnungsbau-Modell in der DDR und im Westen sind sie in den Siebzigern und Achtzigern gebaut worden, um den Leuten in den Sanierungsgebieten in der Innenstadt andere Wohnungen anzubieten. Das ist keine Überraschung, das sind die Einwohnerzahlen. Aber das sind natürlich nicht alles Loser – bloß: die Anteile nehmen dort zu von Leuten mit vielen sozialen Probleme: mit geringem Einkommen, mit geringer Bildung, Arbeitslosigkeit.

derStandard.at: Reagiert die Politik darauf adäquat?

Hartmut Häußermann: Das ist unterschiedlich. Es gibt etwa in Berlin-Marzahn oder Berlin-Gropiusstadt ein Quartiers-Management, also Initiativen im Rahmen der sozialen Stadtentwicklung, die versuchen, die Situation dort zu stabilisieren. Aber die Erneuerung der Wohnungsstandorte von Haushalten mit niedrigem Einkommen liegt im Moment nicht in den Möglichkeiten der Politik. Das wäre nur möglich, wenn man über die ganze Stadt verteilt so etwas wie bezahlbaren Wohnraum hätte. Früher gab es diesen sozialen Wohnungsbau, heute gibt es davon immer weniger und er ist nicht mehr sehr billig. Kommunale Wohnungsbestände über die ganze Stadt verstreut, wie es zum Beispiel in Wien der Fall ist, wäre das geeignete Gegensteuerungsmittel.

derStandard.at: Im Vorfeld des kommenden Berliner Wahlkampfes geht es in der politischen Debatte vor allem um die Frage nach mehr Bewachung und mehr Sicherheitspersonal. Wird der Fokus hier richtig gelegt?

Hartmut Häußermann: Die Debatte bezieht sich vor allem auf die öffentlichen Verkehrsmittel, nicht auf die einzelnen Viertel. Wir haben keinen gesetzesfreien Raum, das wäre völlig übertrieben. Was es natürlich schon gibt ist das Problem der Gewalt. Vor allem unter Kindern und Jugendlichen, was natürlich auch in den Schulen ein Problem ist. Dass Sicherheitsteam am Eingangstor zur Schule aufgestellt worden sind, um schulfremde Personen, die kommen und Händel auszutragen, fernzuhalten, gab es schon in Neukölln. Wo die Gesetze vehement und regelmäßig übertreten werden, ist jede Art von Sicherheitsbemühungen richtig.

derStandard.at: Kommt die Politik hier weniger an oder sind die Leute dort politikverdrossener als in anderen Gebieten?

Hartmut Häußermann: Dass dort, wo die sozialen Probleme hoch sind, die Wahlbeteiligung niedrig ist, ist überall so. Dort gibt es wenig Aktivität in politischer Hinsicht und wenig Aktivität bei der Wahlbeteiligung. Es ist natürlich eine Tragödie, dass diejenigen, die am dringendsten auf städtische Hilfe und Maßnahmen angewiesen wären, sich überhaupt nicht um Politik kümmern. Die sind eben schon so weit weg von der Gesellschaft, dass sie eine Leck-mich-am-Arsch-Haltung haben.

derStandard.at: Wie erklären Sie sich, dass es Gegenden gibt, wo Jugendliche früher Sex haben und früher Alkohol trinken als anderswo?

Hartmut Häußermann: Jugendliche sind sehr stark durch Jugendfreundschaften beeinflusst. Das gilt noch einmal verstärkt, wenn die Jugendlichen aus schwierigen Haushalten kommen oder aus Familien, die nicht funktionieren oder wo die Eltern selber Alkoholiker sind. Das sind Gruppen von Jugendlichen, wo bestimmte Normen und Werte gelten. Den Respekt und die Anerkennung, die sie zu Hause und in der Schule nicht finden, weil sie da Versager sind, suchen sie in diesen Gruppierungen. Dazu gehört dann für Mädchen früher sexueller Kontakt und für Jungs die frühe Ausübung von Gewalt oder das Trinken von Alkohol. Dem passen sie sich an, weil sie dann Anerkennung finden. (fin, derStandard.at, 14.3.2011)