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Ein Frau sucht zwischen den Trümmern nach ihren Angehörigen.

Foto:The Yomiuri Shimbun, Kazuki Wakasugi/AP/dapd

Tokio/Wien - Die ersten 72 Stunden nach einer Katastrophe gelten als entscheidend für die Bergung Überlebender. Am Montag war diese Zeitspanne nach dem Beben der Stärke 9,0 im Nordosten Japans und dem darauffolgenden Tsunami abgelaufen. Die Zahl der Toten schoss in die Höhe: Offiziell bestätigt wurden mehr als 1800 Opfer, doch Berichten zufolge haben Helfer weit mehr Leichen geborgen. Allein an der Küste der Provinz Miyagi sollen es 2000 gewesen sein. In Japan werden Verstorbene meist verbrannt. Das bedarf wie bei einer Beerdigung amtlicher Genehmigungen. Die Regierung hat diese Vorschrift am Montag aufgehoben, um Bestattungen zu beschleunigen.

In der von den Erschütterungen und der Flut besonders stark getroffenen Provinz Miyagi fehlte am Montag nach wie vor von mehr als 10.000 Menschen ein Lebenszeichen. Aber auch in der 15.000-Einwohner-Stadt Otsuchi in der Präfektur Iwate gelten noch 12.000 Menschen als vermisst. Die Behörden der Präfektur haben an Bestattungsunternehmen appelliert, ihnen Särge und Leichensäcke zu schicken.

Besonders stark zerstörte Regionen sind für Hilfstrupps nach wie vor schwer erreichbar. Zahlreiche Straßen sind nicht befahrbar. Erst wenn Helfer auch in diese Orte vordringen können, wird das Ausmaß der Katastrophe einschätzbar sein.

Bahnverkehr zusammengebrochen

Immer wieder bebte am Montag erneut die Erde. Nach einem Beben der Stärke 6,5 auf der Hauptinsel Honshu galt kurzzeitig erneut eine Tsunamiwarnung für die Nordostküste Japans. Diese wurde wenig später aber wieder aufgehoben. Nach dem Beben kam in der Hauptstadt Tokio der Bahnverkehr zum Erliegen. Auf der wichtigen Ost-West-Linie fuhr nach Meldungen des japanischen Fernsehens nur noch jeder zehnte Zug.

Hunderttausende Menschen haben beim stärksten Beben in der Geschichte des Landes ihr Zuhause verloren oder mussten wegen der Gefahr radioaktiver Strahlen ihre Häuser verlassen. Sie werden in Schulen, Kirchen und Zelten untergebracht. Angesichts der großen Zahlen Obdachloser müssen viele Menschen die Nächte im Freien verbringen. In der Nacht hat es im Katastrophengebiet vielerorts Temperaturen um den Gefrierpunkt.

Wegen der Störfälle in mehreren Atomkraftwerken wurde überall der Stromverbrauch gedrosselt. Auch die Versorgung mit Treibstoff wurde problematisch. Zettel mit der Aufschrift "Ausverkauft" hingen an vielen Tankstellen in der Präfektur Ibaraki, die zwischen Tokio und der besonders betroffenen Erdbebenregion mit dem AKW Fukushima liegt.

Sechs Häfen Japans sind nach der Katastrophe schwer beschädigt. Auch das Raumfahrtkontrollzentrum in Tsukuba rund 50 Kilometer nordöstlich von Tokio lahmgelegt. Ein Sprecher teilte mit, dass die US-Raumfahrtbehörde Nasa vorübergehend seine Funktion übernommen hat.

Schäden von bis zu 180 Milliarden Dollar

Bis klar ist, wie hoch die Schäden wirklich sind, wird es noch dauern. Die Schweizer Credit Suisse schätzt die wirtschaftlichen Schäden auf rund 170 bis 180 Milliarden Dollar, das wären fast zwei Prozent der japanischen Wirtschaftsleistung. Das entspricht aber etwa "nur" der Hälfte der Kosten des Kobe-Erdbebens von 1995. Mit Kobe war damals ein Wirtschaftszentrum des Landes betroffen, was ist diesmal nicht der Fall. Allerdings: Nicht einmal grob abschätzbar sind die Folgen einer Kernschmelze.

Trotzdem wird bereits spekuliert, wie das hoch verschuldete Japan den Wiederaufbau finanzieren kann. Innerhalb der Regierung war bereits von der Einführung einer Sondersteuer die Rede. (red, DER STANDARD-Printausgabe, 15.3.2011)