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Nicht jeder kann sich für so einen "Wonneproppen" entscheiden, immerhin kann man den Nachwuchs ja auch nicht einfach aussetzen, wenn die Lebenssituation nicht mehr passt...

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Harald Wilkoszewsk: "Derzeit leben zwei Drittel der über 55-Jährigen in einer Ehe. 2040 werden dies nur mehr 40 Prozent sein."

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"Die Menschen befinden sich in unterschiedlichen Lebenslagen und haben unterschiedliche Bedürfnisse und andere Erwartungen an den Sozialstaat", erklärt Populationsforscher Harald Wilkoszewski. Im Gespräch mit derStandard.at kritisiert er, dass "die Politik das Thema Generationengerechtigkeit zur Seite schiebt". Denn: Auf das klassische Familienmodell, in dem sich die Generationen und Ehepartner unterstützen, könne sich die Politik in Zukunft immer weniger verlassen. Die Fragen stellte Katrin Burgstaller.

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derStandard.at: Sie haben in Ihrer Studie herausgefunden, dass viele ältere Menschen gegenüber dem Generationenvertrag stark abgeneigt sind. Welche Ergebnisse haben Sie dabei besonders überrascht?

Wilkoszewski: Meine ursprüngliche Frage war, ob das Generationenverhältnis im öffentlichen Raum schlechter wird. Lange war man der Meinung, dass es keine Unterschiede in den sozialpolitischen Erwartungen zwischen Jung und Alt gibt. Tatsächlich habe ich in meiner Untersuchung hochsignifikante Unterschiede zwischen den Altersgruppen gefunden. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein 65-Jähriger für Kindergelderhöhung ist, ist um 85 Prozent geringer als bei einem 20-Jährigen.

derStandard.at: Sind die Älteren also egoistischer als die Jungen?

Wilkoszewski: Da muss man noch nicht von Egoismus reden. Die Menschen befinden sich in unterschiedlichen Lebenslagen und haben unterschiedliche Bedürfnisse und andere Erwartungen an den Sozialstaat. Aber man kann sagen, die Wahrscheinlichkeit, dass ein Älterer familienpolitische Maßnahmen unterstützt ist deutlich geringer, als das bei Jüngeren der Fall ist. Ältere halten beispielsweise auch flexiblere Arbeitszeiten für Eltern weniger wichtig.

derStandard.at: Bei den Pensionen wird oft diskutiert, dass einerseits die Sozialversicherungsbeiträge der aktiven Einzahler erhöht werden sollen, andererseits auch bestehende Pensionen gekürzt werden. Wie stehen die jeweiligen Generationen zu solchen Maßnahmen?

Wilkoszewski: Je älter die Menschen sind, desto eher sind sie für Maßnahmen, die jüngere Generationen belasten, etwa die Sozialversicherungsbeträge zu erhöhen. Aber im Gegenzug sind auch die Jüngeren eher dafür, dass die Älteren belastet werden, jedoch nicht in dieser starken Ausprägung. Denn: Die Jungen haben im Kopf dass Kürzungen in bestehende Pensionen eines Tages auch sie betreffen könnten, weil die Höhe der Rente insgesamt sinkt.

derStandard.at: Die Bereitschaft für die jeweils andere Generation Sozialleistungen zu transferieren hängt aber nicht nur vom Alter ab?

Wilkoszewski: Nein. Der Unterstützungsgrad für eine bessere Kinderbetreuung ist zwischen 20 und Anfang 30 sehr hoch und fällt dann ab. Zwischen 50 und 60 zeigt sich wiederum ein höherer Unterstützungsgrad für die Kinderbetreuung. Zwischen 60 und 80 sinkt die Unterstützung auf ein Minimum. Wer also selbst Kinder oder Enkelkinder hat, unterstützt am ehesten auch entsprechende Sozialleistungen. Ist der Bedarf dann nicht mehr vorhanden, sinkt auch der Unterstützungsgrad. Die biografische Dimension zeigt sich auch bei anderen Maßnahmen, zum Beispiel bei den Steuererleichterungen für Eltern.

derStandard.at: Treffen Ihre Analysen auch für Österreich zu?

Wilkoszewski: Wir haben 13 europäische Länder verglichen. Die oben geschilderten Alterseffekte gibt es praktisch in allen europäischen Ländern. In Österreich waren diese teilweise sogar höher als in Deutschland.

derStandard.at: Haben Sie Ihre Studienergebnisse auch PolitikerInnen vorgelegt? Wie waren die Reaktionen?

Wilkoszewski: Ja, ich habe mit Ministerien, Parlamentarieren und Verbänden gesprochen. Bei den Vertretern für die Pensionisten kam oft das Argument: ‚Ja wir sind absolut für die Familienförderung, aber jetzt sind wir einmal dran, wir können nicht mehr sparen‘. Diese Forderung ist jedoch nicht nur als politischer Trick zu sehen - das Thema Altersarmut kommt wieder auf die Agenda. Die Erwerbsverläufe ändern sich, sodass am Ende weniger Rente über bleibt.

derStandard.at: Sehen Sie ein großes Konfliktpotenzial zwischen den Generationen?

Wilkoszewski: Das Konfliktpotenzial zwischen Alt und Jung erhöht sich. Es wird in Zukunft mehr Unverheiratete und mehr Senioren ohne eigene Kinder geben. Sie haben keinen Generationenbezug in der Familie, in der die Transferströme derzeit hervorragend funktionieren. Sie können sich nicht auf diesee Familienverbande verlassen. Das Thema Generationsgerechtigkeit wird von der Politik auf die Seite geschoben. Sie muss sich bemühen, Generationen auch jenseits der Familie wieder zusammenzubringen. Denn immer dann wenn Geben und Nehmen anonym ist, wird es schwierig. Wenn die Diskussion nicht offengeführt wird und gefragt wird, wer welchen Beitrag leisten kann, könnten wir uns einem gesellschaftliches Klimagegenübersehen, in dem das gegenseitige Verständnis sehr stark absinkt.

derStandard.at: Befindet sich das Solidaritätsprinzip innerhalb der Familie in Auflösung?

Wilkoszewski: Dazu gibt es zahlreiche Studien. Das Solidaritätsprinzip innerhalb der Familie funktioniert hervorragend. Es gibt unterschiedliche Einstellungen, aber der enorme Wertekonflikt, der noch in den 60er Jahren existierte, ist heute Geschichte. Die historische Dimension aufgrund des Nationalsozialismus ist heute weg. Sie belastet das Familienverhältnis heute nicht mehr. Zudem haben auch andere, liberale Erziehungsstile Einzug gefunden. Innerhalb der Familie sind außerdem die Geldtransfers in beide Richtungen sehr groß.

derStandard.at:  Ihre Studie hat gezeigt, dass Kinderlose Sozialleistungen für Familien weniger stark unterstützen als Personen mit Kindern. Heißt das, je kinderloser eine Gesellschaft ist, desto stärker schreitet auch die Entsolidarisierung voran?

Wilkoszewski: Nein, ein kinderloser Mensch ist ja nicht per se ein Egoist. Eine solche Stigmatisierung würde außerdem erst recht einen Konflikt fördern. Der Staat muss sich allerdings schon überlegen, wie er Unverheiratete und Kinderlose sozial absichern kann. Derzeit leben zwei Drittel der über 55-Jährigen in einer Ehe. 2040 werden dies nur mehr 40 Prozent sein. Die Politik muss auch über diese neuen Lebenswirklichkeiten diskutieren. Denn auch Paare, die beispielsweise ohne Trauschein in getrennten Haushalten leben, sorgen füreinander. Aber auf das klassische Familienmodell, in der sich die Generationen und Ehepartner unterstützen, kann sich die Politik in Zukunft immer weniger verlassen. Es geht nicht um Geld sondern auch um die Frage, wer sich um einen kümmert, wenn man alt ist. (Katrin Burgstaller, derStandard.at. 21. März 2011)