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Kundgebung in Istanbul für Journalisten in Haft.

Foto: AP/dapd

Die Anklagepunkte sind geheim, aber Ahmet ªik hat einen Verdacht. "Ich weiß nicht genau, warum ich im Gefängnis bin. Mir ist klar, dass meine Verhaftung politisch motiviert ist", schreibt er Freunden der Bürgerrechtsgruppe bianet.org. Seit der renommierte türkische Journalist Anfang März mit neun Kollegen festgenommen wurde, ist die konservativ-muslimische Regierung Premierminister Tayyip Erdogans in Erklärungsnot. Der Vorwurf: Mundtot werde gemacht, wer über die islamistische Gülen-Bewegung schreibt.

Erdogan gab sich erst konsterniert über die Razzia gegen die Starjournalisten: Die Justiz möge die Verfahren "umgehend" abschließen. Doch nach Kritik aus der EU und zwei großen Demos in Istanbul giftete er zurück: Keiner der 27 in türkischen Gefängnissen inhaftierten Journalisten sei dort wegen Ausübung seines Berufs, behauptete der Premier. "Sie sind verhaftet worden, weil sie versuchten, mit Gewalt die verfassungsmäßige Ordnung zu ändern, wegen Mitgliedschaft zu einer bewaffneten terroristischen Gruppe, sexueller Belästigung, Dokumentenfälschung ...". Laut Journalistenvereinigung TGC sind in der Türkei 60 Journalisten in Haft

ªik, Nedim ªener und weiteren Journalisten des regierungskritischen Webportals Oda TV wird Mitgliedschaft im ominösen nationalistischen Geheimbund Ergenekon vorgeworfen. Doch ªik wie ªener haben angebliche Umsturzpläne von Militär- und Geheimdienstkreisen selbst enthüllt. Dass die Aufdecker zugleich Angehörige des Geheimbunds sein sollen, wundert die Öffentlichkeit.

ªik schreibt aus dem Gefängnis einen Verdacht: Erdogans Regime sei für die Verhaftung verantwortlich. Es gehe nicht um Ergenekon, sondern um die einflussreiche Gemeinschaft des im Exil lebenden Predigers Fethullah Gülen. Die Regierungspartei AKP mit ihrer "islamisch-faschistischen Gesinnung" habe die Übernahme des Staats durch die Gülen-Bewegung arrangiert. "Ich bin im Gefängnis, weil ich all das sagte und ein Buch darüber schreiben wollte." (Markus Bernath aus Istanbul/DER STANDARD; Printausgabe, 17.3.2011)