ModeratorIn: Wir begrüßen Risikoforscher Wolfgang Kromp und bitten die UserInnen um ihre Fragen!

Wolfgang Kromp: Ich begrüße die User herzlich, egal ob sie meine Meinung vertreten oder dagegen sind. Die Diskussion ist notwendig um weiter zu kommen.

UserInnenfrage per Mail: Lukas Kralik: man hört immer wieder das "Zauberwort" Kernschmelze. Doch was genau passiert in und mit den schmelzenden oder geschmolzenen Brennelementen? Sind diese - als große Masse - gefährlicher als die Summe der ihrer Einzelteile? Oder liegt di

Wolfgang Kromp: Die Brennstoffe bestehen im Betriebsfall aus Uranoxydpillen in metallischen Hüllrohren die letztere zugleich auch die gasförmigen und leicht flüchtigen Spaltstoffe aufnehmen. Im Unglücksfall, bei Überhitzung und insbesondere beim Schmelzen werden die Hüllrohre zerstört und entlassen die gasförmigen und leicht flüchtigen Spaltprodukte zunächst in die Umschließungen so lange diese noch dicht sind. Die Gefährdung der Umwelt nimmt graduell zu - je heftiger durch den Unfallverlauf diese Spaltstoffe in die Umgebung entsandt werden. Eine relativ glimpfliche verlaufende Unfallweise stellte Three Mile Island dar, wo es zu einer Teilkernschmelze kam, die die erste Schutzhülle der Reaktordruckbehälter intakt blieb. Damals gelangte ein bestimmter begrenzter Prozentsatz der gasförmigen und flüchtigen Stoffe an die Umwelt. Je vollständiger und heißer die Kernschmelze werden kann und je dramatischer durch Metall-Wasser-Reaktionen verursachte Wasserstoffexplosionen verlaufen, desto mehr radioaktive Stoffe gelangen als Gase und Aerosole in die Umwelt.

exilsteirer: Wie könnte man Brennstäbe kühlen, die bereits eine so hohe Temperatur erreicht haben, daß Wasser nicht mehr hilft?

Wolfgang Kromp: Es gibt leider nichts Besseres als stark mit Borsäure versetztes Wasser, so unvollkommen die Kühlung auch sein mag.

Hiltraut Ludwig #1: Kann man im derzeitigen Zustand das AKW mit einem Betonsarkopharg retten?

Wolfgang Kromp: Sie meinen vermutlich umgekehrt: Die Menschen vor dem AKW retten. Die Errichtung eines Betonsarkophags ist einem späteren Zeitraum vorbehalten, indem die unmittelbare Gefahr der Umweltkontamination durch radioaktive Wolken längst vorüber ist.

mitti90: Hallo Herr Kromp! Laut Medienberichten befinden sich noch immer 70 Arbeiter/Techniker im AKW Fukushima. Ist es überhaupt möglich diese Mitarbeiter (sicher) vor der hohen Strahlendosis zu schützen und wenn ja, wie?

Wolfgang Kromp: Obwohl vermutlich sicher das möglichste an Schutzmaßnahmen getan wird, werden diese als Helden zu bezeichnende Menschen nicht lange überleben können und verdienen unser höchstes Mitgefühl und größten Respekt.

: s.g. kromp. kann fukushima jemals wieder bewohnt werden?

Wolfgang Kromp: Die unmittelbare Umgebung des Kernkraftwerkes erst nach geologischen Zeiträumen, also praktisch nie. Wie weit ein mögliches Sperrgebiet wird reichen müssen, wird der weitere Verlauf zeigen.

UserInnenfrage per Mail: Johannes Fechner fragt: Die großen Mengen an radioaktivem Material müssen langfristig gesichert werden. Abtransport, wohin? Welche baulichen Maßnahmen sind da erforderlich, wer soll dort bauen? Wie sieht die Relation zur Strahlenbelastung aus den A

Wolfgang Kromp: Eine "Endlagerung", d.h. eine Lagermöglichkeit bei der man die Strahlenabfälle sozusagen vergessen kann, bietet unsere Erde meiner Meinung nach nicht. Man wird sie in temporären Langzeitlagern (überwachbar, reparierbar und notfalls rückhohlbar) von der Biosphäre fern halten müssen, so unvollkommen und verletzlich diese Methode auch sein wird. Diesen Umstand hätte man vor der Einführung der Kernenergie bedenken müssen. Die Atombombenversuche fanden (wenn sie nicht unterirdisch durchgeführt wurden) meist hoch oben in der Atmosphäre statt. Die Mengen an Spaltprodukten (Hiroshimabombe 50 kg Uran, Nagasaki einige 10 kg Plutonium) sind im Vergleich zu Kernkraftwerken mit diesen Stoffen im Tonnenmaßstab verhältnismäßig gering und wurden über Strömung in der höheren Atmosphäre weltweit verdünnt und verteilt. Bei Kernkraftwerksunfällen sind bei geringerer räumlichen Verteilung erheblich größere Mengen in konzentrierterer Form zu befürchten.

danni0510: viele Experten sprechen immer davon, dass bis morgen die Kühlung erfolgreich sein muss. Kann man das tatsächlich so plakativ sagen, dass eine erfolgreiche Kühlung den Super GAU verhindert oder gibt es sehrwohl noch andere kritische Faktoren?

Wolfgang Kromp: Der Super-GAU ist mit dem Austreten größerer Mengen an Radioaktivität, den angerichteten Zerstörungen am Bauwerk, dem gleichzeitigen Versagen der Stromversorgung,... längst eingetreten. Jetzt geht es darum, wie extrem "super" ausfallen wird. Worum es jetzt vorrangig geht, ist die Umschließungen (Containment, Reaktordruckbehälter) möglichst lange intakt zu halten um mit der Abnahme der Nachzerfallswärme Schritt halten zu können.

lostrudel: Wielange dauert es in etwa bis sich die Temperatur der Brennstäbe stabilisiert hat und keine unmittelbare Gefahr mehr besteht?

Wolfgang Kromp: Dazu bin ich als Werkstoffphysiker zu wenig spezialisiert. Ich kann nur darauf hinweisen, dass Brennelemente im Nasslager auch nach einigen Jahren noch zwangsumlaufgekühlt werden müssen, um ihr (teilweises) Schmelzen oder zumindest die Zerstörung der Hüllrohre zu verhindern.

UserInnenfrage per Mail: tataa33 fragt: Wenn es die "radioaktive Wolke" theoretisch schafft bis nach Europa zu kommen ohne abgeregnet zu werden - wie hoch wäre dann die Radioaktivität? Also nimmt die für den Menschen gefährdende Radioaktivität auch ohne Abregnung allein du

Wolfgang Kromp: Nach der derzeitigen Wettersituation ist eine Gefährdung Europas nicht in Sicht. Sollte durch weitere Verschärfung der Situation japanischer KKWe sehr starke Strahlungswolken entstehen und diese in höhere Schichten der Atmosphäre gelangen, würden diese auf ihren weiten Wegen sehr stark verdünnt in Europa anlangen und vielleicht gerade nur messbar sein, jedoch keine erheblichen Schäden anrichten können.

UserInnenfrage per Mail: Lehner-Hysek fragt: man hört „radioaktive Partikel haben bereits die USA erreicht und werden auch nach Europa gelangen“. Wenn das auch stark verdünnt passiert, so gab es doch in den letzten Jahren immer wieder Diskussionen über die gesundheitliche

Wolfgang Kromp: Nein, auf keinen Fall die prophylaktische Einnahme von Kalium-Jodid-Tabletten.

Rudi der Grosse: wenn Radioaktivität ins Meer gelangt, kommt diese dann auch in die Lebensmittelkette - sprich zum Konsumenten, der die Meerestiere isst ?

Wolfgang Kromp: Ja, das ist ein sehr ernstes Problem. Denken Sie z.B. an die Folgen der Entlassung radioaktiver Stoffe ins Meer durch die WAA Sellafield, wo über Meeresströmungen radioaktiv belastete Fische sogar Eskimos weit im Norden gefährden.

NoComment: Die dort ausgetretenen Stoffe dürften ja hauptsächlich Cäsium und Jod sein, beide mit relativ langen HWZ. ab welcher dosisleistung muss man den mit einer belastung rechnen, die einen landstrich unbrauchbar macht?

Wolfgang Kromp: Für die Angabe eines konkreten Zahlenwertes, bitte diese Frage an Strahlenfachleute zu richten. Derartige Angaben sind leider kontrovers zu verstehen. Nach dem Unfall von Tschernobyl hätte man vermutlich über die Sperrzone hinaus gehend weitere Gebiete in Weißrussland sperren müssen, wie die nachfolgenden Häufungen an Krebserkrankungen gezeigt haben.

bambino: Die Summe der Stäbe in einem Reaktor stellen ja eine unterkritische Masse dar, dh. eine Explosion ist ausgeschlossen. Ist das richtig? Warum war die Verstrahlung in Tschernobyl dann höher als in Hiroshima? Dor wohnen ja heute wieder Leute, oder nic

Wolfgang Kromp: Die Summe der Massen an spaltbaren Uran 235 sind erheblich größer (einige Tonnen) als beispielsweise die Masse der Hiroshimabombe (ca. 50 kg). Eine Explosion des Kernbrennstoffes wird durch seine Verdünnung (wenige Prozent) verhindert. Die weiteren Antworten ergeben sich daraus von selbst.

Alexander R: isar 1 wurde vom netz genommen..wie lange besteht die gefahr dass aus einem abgeschaltenem reaktor im falle eines erdbebens strahlung austritt..und wo werden die brennstäbe gelagert

Wolfgang Kromp: Aufgrund der Nachzerfallswärme produzieren Brennstäbe auch nach der Unterbrechung der Kernspaltung Wärme und Strahlung in abnehmender Weise - zuerst schnelle und dann immer langsamer werdende Abnahme, dieses Phänomen macht derzeit bei den zum Zeitpunkt der Naturkatastrophe bereits abgeschalteten (in Revision befindlicher) Reaktorblöcke Fukushima 4-6 zu schaffen. Außer Betrieb genommene Brennelemente lassen sich außerhalb von Siedewasserreaktoren des Typs Isar 1 oder Fuskushima mittelfristig sicherer lagern. Unsicherheiten bleiben wegen der ungelösten "Endlager"-Problematik bestehen.

maxpowerXX: haben wir schon das worst case scenario oder kann sich die situation noch verschlimmern? ich hörte den begriff thermonucleare explosion?

Wolfgang Kromp: Sie kann sich verschlimmern, muss aber nicht.

Edi Rudlinger: Zwentendorf wurde gebaut und nicht in betrieb genommen. wissen sie noch wieviele akws in österreich damals geplant waren? meines wissen sollte das 2. in der nähe wiens und das dritte akw in kärnten gebaut werden.

Wolfgang Kromp: Amtlicherseits drei. Inoffiziell wurde auch von bis zu sechs gesprochen.

ModeratorIn: Leider ging es sich nicht aus, alle Fragen zu beantworten. Wir bedanken uns bei Wolfgang Kromp und allen UserInnen.

Wolfgang Kromp: Wir werden uns bemühen mit entsprechender Kapazität ausgestattete E-Mail-Adresse für Ihre Fragen an der Boku einzurichten. www.risk.boku.ac.at. Vielen Dank für Ihre interessanten Fragen und mit Bedauern aus Zeitmangel nicht alle beantworten zu können. Mit besten Grüßen Wolfgang Kromp