Anton Hysén: "Wo sind die anderen?"

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Schwule Politiker sind kaum noch eine Nachricht wert. Ganz anders ist das anscheinend bei Fußballern. Seit sich der Profi Anton Hysén im Magazin Offside outete ("Ich bin Fußballer, und ich bin schwul"), regnet es auch internationalen Applaus für den mutigen Mittelfeldspieler aus Schweden. Selbst die BBC reiste für ein Interview nach Göteborg. Schließlich schreibe Hysén Emanzipationsgeschichte im Volkssport. In der Tat bekannte sich vor Hysén bislang nur der inzwischen verstorbene Engländer Justin Fashanu noch während seiner Laufbahn zur Homosexualität.

In Schweden galt der 20-jährige Hysén bislang zwar als talentierter, aber nicht als besonders bekannter Sportler. Wegen Verletzungen verlor er einen Lehrlingsvertrag beim Göteborger Erstligisten Häcken. Nun trainiert er beim Viertligisten Utsiktens BK.

Hysén kommt aus einer der bekanntesten schwedischen Fußballerfamilien. Die Brüder Alexander und Tobias sind Profis, Letzterer spielt gar in der Nationalmannschaft. Vater Glenn, 1990 Meister mit dem FC Liverpool, ist ein Fußballpromi und Sportkommentator. Der heute 51-Jährige wies, offenbar um die sexuelle Neigung seines Sohnes wissend, bereits vor Jahren anlässlich der Schwulenparade Pride in Stockholm auf die schwierige Stellung schwuler Fußballer hin. "Es ist nicht leicht für einen 16-jährigen, seinen Mitspielern dies zu vermitteln", sagte Glenn Hysén damals.

"Wo zum Teufel sind die anderen?"

Dass das Outing ein Spektakel wurde, hat allerdings nichts mit seiner bekannten Familie zu tun, sondern eher mit der Bestürzung der Schweden darüber, dass im Fußball Homosexualität nicht thematisiert wird. "Wo zum Teufel sind die anderen?", frug Anton Hysén in einem Interview. Schließlich wird der Anteil Homosexueller an Schwedens Bevölkerung auf zehn Prozent geschätzt, und jede Fußballmannschaft besteht zumindest aus elf Männern.

Hysén wird gefeiert. Dem Fußballverband, der mit einem Hooligan-Problem zu kämpfen hat, gilt er gar als Beleg dafür, dass der Fußball nicht so schlecht sei wie sein Ruf. Für den zur Zeit wohl beliebtesten schwedischen Polit-Komiker Henrik Dorsin, dessen Bruder ebenfalls Fußballer ist, stellt sich die Lage anders dar: "In Schweden ist Schwulenhass staatlich verboten, aber unter der Sichtblende ist es hier genauso schlimm wie anderswo", sagte er im TV-Sender SVT. Vor allem in den ländlichen Regionen sei es zwar nicht gut, aber fast günstiger, Einwanderer zu sein, heißt es.

Auch Anton Hysén traut dem allgemeinen Schulterklopfen nicht. Zwar wird ihm für den Fall, dass er wieder völlig fit wird, eine grandiose Karriere prophezeit, der Mittelfeldspieler selbst fürchtet aber, dass er durch sein Bekenntnis eben diese Karriere schon zerstört hat: "Es gibt Leute, die einfach nicht mit Homosexuellen können. Wenn ein Klub an mir interessiert ist, der Trainer aber komisch ist und mitbekommt, dass ich schwul bin, war es das für mich."

Und tatsächlich wird die Freude über das Outing des Fußballers nicht überall im Land geteilt. So musste eine größere Sportinternetseite trotz uneingeschränkt enthusiastischer Berichterstattung über den jungen Helden des Fußballs ihren für Leser offenen und anonym zugänglichen Kommentarteil sperren. Die Flut an Hasstiraden gegen Schwule im Allgemeinen und gegen den schwulen Fußballer Anton Hysén im Besonderen ließ keine andere Wahl. (André Anwar aus Stockholm, DER STANDARD Printausgabe, 18.3.2011)