Schwestern, die sich (wieder) kennenlernen müssen: Andrea Wenzl (li.) und Emily Cox in "Die Vaterlosen".

Foto: Thimfilm

Den praktischen Gesellschaftskritikern der 1960er- und 70er-Jahre galt Vater-Mutter-Kind als Urgrund allen Unglücks. Wenn man diese privatistische Zelle auflösen könnte, dann wäre schon viel gewonnen. Größere Einheiten, verflachende Hierarchien, geteilte Arbeit, kein Besitz, mehr Freiheit für alle - neue Erfahrungen produzieren andere Menschen. Etliche Jahrzehnte später sind davon vor allem jene einschlägigen Experimente in Erinnerung, die ganz spektakulär und zulasten der Schwächsten scheiterten.

An dieser Stelle setzt auch Die Vaterlosen an, das Kinodebüt der Regisseurin und Drehbuchautorin Marie Kreutzer. Familiäre Beziehungen, unausgesprochene Gefühle und Konflikte, Geschwisterkonkurrenz und -liebe standen schon im Zentrum von Kreutzers zum Teil preisgekrönten Kurzfilmen, die klingende Titel wie Cappy Leit, Un peu beaucoup oder Punsch Noël trugen.

Den Schauplatz für diese still ausgetragenen, elliptisch erzählten Geschichten bot ein kleinfamiliärer Rahmen. Nun hat Kreutzer den Kontext gewechselt: Ihre Protagonisten und Protagonistinnen sind die Kinder deutsch-österreichischer Kommunarden, die mit der landläufigen Verspätung in den 1980er-Jahren gemeinsam einen steirischen Gutshof bewohnten.

Dort treffen weitere zwanzig Jahre später Kyra (Andrea Wenzl), Vito (Andreas Kiendl), Mizzi (Emily Cox) und Niki (Philipp Hochmair) aufeinander - der Tod des Kommunenhäuptlings (Johannes Krisch), der allmählich zum Patriarchen und Kleinfamilienchef mutierte, wird für seine Kinder zum Anlass, die gemeinsame Vergangenheit noch einmal aufzurollen.

Die vier kommen aus unterschiedlichen Orten und Entfernungen. Kyra und Vito haben ihre Lebenspartner dabei (Pia Hierzegger, Sami Loris), die zum Geschehen bald ein wenig auf Distanz gehen. Mizzis Mutter Anna (Marion Mitterhammer) ist die letzte Bewohnerin des längst baufälligen Hauses.

Aus gegenwärtigen Auseinandersetzungen und Rückblenden in die Kindheit setzt sich allmählich ein Familiengeschichtspuzzle zusammen, aus dem die Kinder ihre eigenen Lehren ziehen. (Isabella Reicher, DER STANDARD - Printausgabe, 22. März 2011)