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Instrumentalisierte Geschichte: Mitglieder der rechtsextremen "Ungarischen Garde" bei einer Gedenkfeier zum 90. Jahrestag des Vertrags von Trianon im Vorjahr in Budapest.

AP Photo/Bela Szandelszky

"Für Rechtsextreme sind Roma Roboter der Juden": Krisztián Ungváry.

Foto: STANDARD/Hendrich

Wien - Die Präambel der neuen ungarischen Verfassung, die am 18. April mit der Zweidrittelmehrheit der rechtskonservativen Regierungspartei Fidesz im Parlament verabschiedet werden soll, beginnt mit den Worten: "Gott segne die Ungarn." Im Folgenden werden wiederholt die Größe der ungarischen Nation und deren historische Verdienste um den Schutz Europas beschworen. Der Name des Staates heißt nicht mehr, wie bisher, Republik Ungarn, sondern nur noch Ungarn.

Einzigartigkeit und Sendungsbewusstsein sind historische Konstanten im ungarischen Selbstverständnis. Im Aufstieg der rechtsradikalen Partei Jobbik ("Die Besseren"), die bei den Parlamentswahlen vor knapp einem Jahr mit fast 17 Prozent drittstärkste Kraft wurde, findet dieses Selbstverständnis eine extreme Ausformung. Der Historiker Krisztián Ungváry vom Budapester Institut für die Erforschung der Revolution 1956 glaubt, dass die neue Verfassung auch eine Reaktion von Premier Viktor Orbán auf die Herausforderung durch Jobbik ist.

"Die Frage ist, ob Orbán selbst daran glaubt oder ob er ein so großer Zyniker ist", meinte Ungváry am Montagabend nach einem Vortrag über die geistigen Wurzeln des ungarischen Rechtsextremismus im Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IMW) auf eine Frage des Standard. Er selbst neige zu letzterer Antwort. Orbán sei offenbar zu dem Schluss gekommen, dass man die Wähler so dumm wie möglich halten müsse, nachdem alle Politiker gescheitert seien, die ihnen zu viel Denken zugemutet hätten.

Mit Projekten wie der neuen Verfassung wolle Orbán Jobbik unter Kontrolle halten. Denn die Rechtsextremen könnten eine "tödliche Bedrohung für Fidesz" werden, nämlich dann, wenn die Regierung aufgrund der angespannten Staatsfinanzen Maßnahmen treffen müsse, die den Lebensstandard breiter Bevölkerungsschichten senken, und daraufhin, wie einst die Sozialisten, der Lüge bezichtigt würde.

Ungváry erinnerte daran, dass es in den 1920er-Jahren, als Folge des "Friedensdiktats" von Trianon, in Ungarn mehr als 40 mehr oder weniger explizit "nationalsozialistische" und antisemitische Parteien gab. Einige von ihnen waren, nur scheinbar paradox, auch antifaschistisch ausgerichtet: "Sie sahen in den Deutschen die größere Gefahr als in den Juden." "In den Dörfern nagen die Schwaben (angesiedelte Deutsche), in den Städten die Juden an der Existenz des Magyarentums", habe es damals vielfach geheißen.

In der antisemitischen und Roma-feindlichen Ausrichtung von Jobbik und anderer, noch extremerer Gruppen sieht Ungváry die "moderne" Form dieses quasi traditionellen ungarischen Rechtsextremismus: "Für sie sind die Zigeuner die Roboter, die Werkzeuge der Juden, die die Magyaren aus den Dörfern vertreiben." Generell werde Modernität als etwas Schädliches dargestellt - mit modernsten Mitteln wie dem Internet. (Josef Kirchengast, STANDARD-Printausgabe, 24.03.2011)