Beirut - Nach dem Gewaltausbruch in der südsyrischen Stadt Deraa steht Präsident Bashar al-Assad nach Einschätzung von Beobachtern vor der größten Herausforderung seiner Regierungszeit. Angesichts der Entwicklung in der Region bleibe ihm nicht mehr viel Spielraum, um sich an der Macht zu halten. Mindestens hundert Menschen waren der Opposition zufolge am Mittwoch in Deraa getötet worden, als Sicherheitskräfte gegen Regierungsgegner vorgingen. Es waren die gewaltsamsten Proteste seit der Machtübernahme Assads im Jahr 2000. Nach dem Freitagsgebet kam es in mehreren Städten erneut zu Protesten.

Bashar el Assad "hat noch Kredit, doch dieser bröckelt von Minute zu Minute. Wenn das Blutvergießen noch eine Woche länger geht, ist er fertig, die Leute werden ihm nicht mehr glauben", sagt ein Syrienkenner in Paris, der nicht namentlich genannt werden wollte. "Deraa kam überraschend wegen des Ausmaßes, der Plötzlichkeit und des Tempos" der Proteste, betont er. Assad habe trotz der Niederschlagung des Aufstandes nun keine andere Wahl, als einen Dialog mit der gemäßigten und säkularen Opposition zu beginnen.

Präsidentenberaterin Bussaina Shaaban nannte die Forderungen der Bevölkerung am Donnerstag "legitim" und stellte entsprechende Maßnahmen in Aussicht, darunter "wirkungsvolle" Werkzeuge im Kampf gegen die Korruption.

Baschar el Assad folgte auf seinen Vater Hafez al-Assad, der seit 1970 regiert hatte. Seit 1963 sind in Syrien die Aleviten und die Baath-Partei an der Macht. Bis heute ist das Notstandsgesetz in Kraft, das nach der Machtübernahme verhängt wurde. Während die Sunniten mit geschätzten 22,5 Millionen die Mehrheit der Bevölkerung stellen, sind die Aleviten, die aus dem schiitischen Islam hervorgegangen sind, eine Minderheit in Syrien.

Tausende Tote 1982

Schon unter der Präsidentschaft von Hafez al-Assad wurden Oppositionsbewegungen im Keim erstickt. Zehntausende starben 1982 bei der Bombardierung der Stadt Hama, als er einen Aufstand der Moslembruderschaft niederschlagen ließ. Bashar el Assad versucht seit seiner Machtübernahme, das Land mit vorsichtigen Reformen aus seiner internationalen Isolation herauszuführen. Zum Machterhalt schmiedete er gleichzeitig Bündnisse mit dem sunnitischen Bürgertum.

Einige der konservativsten Kräfte in der Regierung waren jedoch vom Tempo der Veränderungen schnell beunruhigt. "In der Regierung gibt es das Lager der Reformer und das derer, die sich dagegen stellen", sagte Lahcen Ashi, Wirtschaftsexperte am Carnegie Middle East Center in Beirut. "Was man grundsätzlich beobachten kann im heutigen Syrien, verglichen mit dem Syrien vor fünf Jahren, ist der Anstieg der sozialen Ungleichheit", sagt er. "Es gibt Leute, die sich bereichern, weil es eine Öffnung gibt. Man sieht viel mehr dicke Autos, Leute, die ihren Reichtum zur Schau stellen." Der Rest der Bevölkerung habe davon nicht profitiert.

Das monatliche Durchschnittseinkommen in Syrien liegt bei umgerechnet rund 141 Euro, die Arbeitslosigkeit bei den unter 30-Jährigen bei 30 Prozent. Eine Dürreperiode in den vergangenen Jahren verstärkte die Landflucht. Immer mehr Menschen ziehen in die Vororte der Städte, wo Arbeit rar ist. "Es muss etwas getan werden auf wirtschaftlicher Seite, doch jegliche Veränderung muss mit politischen Maßnahmen einher gehen", sagt Aschi.

"Es ist klar, dass das Virus Syrien erreicht hat", betont Salman Shaikh, Direktor des Brookings Doha Center in Dubai. "Bis vor drei Tagen waren wir uns nicht sicher, wohin das alles führen würde. Jetzt bin ich umso mehr davon überzeugt, dass das anhält." Am Freitag gingen in mehreren syrischen Städten, darunter auch in der Hauptstadt Damaskus, erneut Regierungsgegner auf die Straßen. Sie riefen "Deraa ist Syrien" und "Wir opfern uns für Deraa".  (APA/AFP)