Yasushi Nakajima ist Arzt am Hiroo Hospital in Tokio und einer der obersten Krisenhelfer Japans.

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STANDARD: Waren Sie überrascht vom Ausmaß der Zerstörung, als Sie im Tsunamigebiet eintrafen?

Nakajima: Obwohl wir vor der Landung bereits im Fernsehen die ersten Bilder gesehen hatten, war ich sehr überrascht, als ich die Zerstörung sah, die der Tsunami hinterlassen hatte. Der Schaden an Häusern durch das Beben war nicht so groß wie etwa 1995 beim weit schwächeren Erdbeben in Kobe. Der Tsunami hat die meiste Zerstörung angerichtet. Wir sollten das Desaster eher mit den Tsunamis von Indonesien vergleichen.

STANDARD: Sie haben auch 2008 beim Erdbeben in der chinesischen Provinz Sichuan gearbeitet. Was waren die Unterschiede?

Nakajima: Der größte Unterschied war, dass in Sichuan zwar die Häuser zerstört, aber immer noch vorhanden waren. Die Leute konnten in den Ruinen nach Habseligkeiten und Erinnerungsstücken suchen. In Kesennuma jedoch hat der Tsunami alles wegwaschen. In Sichuan gab es eine große Bandbreite von Verletzungen. Aber im Tsunami von Kesennuma waren die Menschen entweder tot oder unverletzt. Dazwischen gab es fast nichts.

STANDARD: Haben die Menschen auch seelische Wunden erlitten?

Nakajima: Natürlich, wie die Opfer im Zweiten Weltkrieg haben sie alles verloren. Das Haus ist zerstört, alle Bilder, alle Erinnerungsstücke auch.

STANDARD: Was bedeutet das für die Zukunft der Menschen?

Nakajima: Zuerst, kurzfristig, werden sie eine Art "Desaster-Utopie" durchleben. Ob arm oder reich, alle sind gleich. Es gibt keine Positionen und keinen Status. Sie denken alle darüber nach, wie sie ihre Probleme gemeinsam bewältigen können. Straßen befestigen, Häuser aufbauen, den Schutt beseitigen.

STANDARD: Und längerfristig?

Nakajima: Längerfristig wird es für die Senioren und Kinder hart. Die Gemeinschaft wird sich spalten in die, die zum Wiederaufbau aktiv beitragen können, und die Schwachen wie die Alten und Jungen, die das nicht mehr oder noch nicht tun können. Diese Gruppen stehen bereits vor wachsenden psychologischen Problemen. Die seelische Krise ist ein gewöhnlich der Begleiter auf dem Weg der Erholung. (Martin Kölling, DER STANDARD; Printausgabe, 26./27.3.2011)