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Die Notierungen an den Warenterminbörsen, im Bild die New York Mercantile Exchange, sind in die Höhe geschossen. Demnächst dürften die Preiserhöhungen auch in den Geschäften ankommen.

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Viele Rohstoffe haben sich seit Jahresbeginn enorm verteuert. Konsumenten müssen bald auch bei vielen Endprodukten mit höheren Preisen rechnen. Wie sich die Katastrophe in Japan auf die Weltwirtschaft auswirkt, ist noch ungewiss.

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Wien - Dieser Sommer verspricht heiß zu werden, zumindest was die Preise betrifft. "Die Konjunktur boomt und wir bekommen nicht genug Rohstoffe, um die Nachfrage zu befriedigen". Helmut Struger, der für den weltweit führenden Chemiehändler Brenntag das Ost- und Südosteuropageschäft verantwortet, erwartet keine Entspannung - im Gegenteil. "Die Umwälzungen in der arabischen Welt halten den Ölpreis hoch und die Katastrophe in Japan trägt zu weiteren Irritationen bei", sagte Struger dem Standard.

Dabei sind sich Ökonomen noch uneins, welchen Einfluss das Erdbeben in Japan mit Tsunami und atomarer Verstrahlung letztlich auf die Konjunktur haben wird. Von dämpfend bis positiv reicht der Meinungsbogen - wegen der enormen Geldmittel, die in den Wiederaufbau gesteckt werden müssen. Im Moment überwiegt die Unsicherheit. "Große Produzenten warten mit Kapazitätserweiterungen oder zögern geplante Neuinvestitionen hinaus", sagte Struger. Damit würden Engpässe, die es bereits vor der Katastrophe in Japan gab, prolongiert.

Engpässe treiben Preise

Ähnlich argumentiert auch Christian Haring, Einkaufschef beim Motorenentwickler AVL List in Graz: "Es gibt Engpässe in der Autoindustrie, weil Komponenten fehlen, die in Japan gebaut werden. Auch die Unterhaltungselektronik ist massiv betroffen".

Haring, der als Präsident des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik in Österreich (BMÖ) auch mit der allgemeinen Situation gut vertraut ist, rechnet mit einem Preisschub auf breiter Front. "Überall dort, wo elektronische Bauteile drinnen sind, werden wir die Auswirkungen in sechs bis sieben Wochen sehen". So lange sei die Ware in der Regel als Seefracht unterwegs.

Sollte sich die Lage in Japan verschlimmern, die Strahlung intensiver werden, verschärfe das die Situation zusätzlich. Zwar verfügten die meisten der großen japanischen Unternehmen über Produktionsstandorte außerhalb des Landes. Entwicklungsabteilungen und neueste Technologien seien jedoch überwiegend in Japan selbst konzentriert. So stamme das Glas für die Touchscreens der Smartphones großteils aus japanischer Fertigung. Haring: "Wir bekommen jetzt serviert, was man Globalisierung nennt".

Seit dem Krisenjahr 2009, als sich die Preise vieler Rohstoffe in Folge eingebrochener Nachfrage deutlich von ihren Rekordständen aus 2008 entfernt hatten, zeigt die Kurve wieder nach oben. "Wir haben ein Jahr mit enormem Wachstum in allen Industrien hinter uns", sagte Gernot Harm, der beim Hersteller hitzebeständiger Materialien, RHI, für die Rohstoffversorgung verantwortlich ist. "Die Preise steigen quer durch, in der Feuerfestindustrie sind wir wieder auf Niveaus wie vor der Krise. " Hochwertiges Schmelzmagnesit etwa, das 2009 noch weniger als 1000 Dollar je Tonne kostete, sei nicht mehr unter 1200 bis 1300 Dollar zu haben.

Restriktionen in China

Ein Grund für den Preisanstieg sei China . Viele hätten sich in den vergangenen Jahren dort zu vergleichsweise günstigen Konditionen mit Rohstoffen eindecken können. Wegen rasch steigender Arbeitskosten, teurerer Energie und schärferen Umweltauflagen sei dieser Kostenvorteil fast weg. Es komme hinzu, dass China seit einigen Jahren die Politik verfolge, Rohstoffe im Land zu veredeln statt zu exportieren. Harm: "Das macht es für uns nicht leichter".

Auch Brenntag-Manager Struger fühlt sich häufig zu Unrecht geprügelt: "Es ist keine angenehme Situation, Kunden zu vertrösten beziehungsweise die Preise regelmäßig anheben zu müssen. Die müssen teilweise die Produktion drosseln, weil wir nicht liefern können." Brenntag hat rund 20.000 verschiedene Produkte im Sortiment und liefert Schwefel genauso wie Vitamin C oder Propylen und Polystyrol an etwa 30.000 Kunden, von der Auto- und Lebensmittelindustrie bis zu Einzelhändlern. Praktisch alle Kunststoffe haben sich laut Struger seit Jahresbeginn um durchschnittlich 30 Prozent verteuert.

Was heißt das für Unternehmen, die besonders stark von Rohstofflieferungen abhängen? "Die müssen versuchen, unter Einbindung der Lieferanten möglichst langfristig zu planen und auch nach alternativen Beschaffungswegen Ausschau halten", sagte Haring. Volle Auftragsbücher zu haben und nicht liefern zu können, weil die Rohstoffe fehlen, sei ziemlich das Schlimmste, was passieren könne. (Günther Strobl, DER STANDARD, Printausgabe, 28.3.2011)