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Für Ekrem Dag steht ein ganz besonderes Länderspiel an.

Foto: Reuters/Niesner

Wien - Man stelle sich vor: Ekrem Dag schießt am Dienstagabend gegen die Türkei ein Tor und jubelt aus Gründen des Anstandes nicht. Treffen auch noch Ümit Korkmaz und Yasin Pehlivan, frage nicht, dann hätte Österreich den totalen Salat. Ein 3:0 und keinen freut es.

Der 30-jährige Dag schmunzelt. "Darüber mache ich mir erst Gedanken, wenn es so weit ist." Er kickt für Besiktas, lebt logischerweise in Istanbul. "Eine stressige, schöne, hektische Stadt." Er wohnt mit seiner Familie gleich neben dem Fenerbahce-Stadion. Fährt er zu Arbeit, muss er den Kontinent wechseln. Rein theoretisch könnte Dag in der Pause des Länderspiels daheim einen Kaffee trinken, praktisch ist das natürlich ausgeschlossen. "Dieses Match ist etwas Besonderes für mich. Ich bin in der Türkei geboren, habe hier meine Freunde, das darf man nie vergessen. Aber ich bin froh, dass ich in Österreich aufgenommen wurde. Es ist eine Ehre, für dieses Team zu spielen." Der tapfere Mann hat das tatsächlich zwei Tage nach dem kläglichen 0:2 gegen Belgien gesagt. "Wir haben das Spiel vergessen, weil man so etwas verdrängen und vergessen muss." Wie man gegen die Türkei besteht? "Wir müssen ein Kampfspiel abliefern. Es wird noch schwieriger als gegen Belgien, aber wir werden trotzdem zu mehr Chancen kommen."

Das ÖFB-Team hat die Aufarbeitung des Schreckens angeblich abgeschlossen. Manchen ist das leichter gefallen als anderen. Etwa Franz Schiemer, er war im Happel-Stadion aufgrund seiner Oberschenkelverletzung nämlich verhindert. Schiemer fehlt übrigens auch in Istanbul. So viel Pech ist fast schon Glück.

Im Fußball, zumindest im österreichischen, gibt es vermutlich auch die Gnade der Sperre. Der 31-jähriger Paul Scharner musste Belgien auslassen. Teamchef Dietmar Constantini wird ihn gegen die Türkei berücksichtigen. Es könnte mehrere Umstellungen geben. Denn das Personal vom Freitag hat sich eine Pause redlich verdient. Speziell Marko Arnautovic, dessen Peinlichkeit fast schon wieder Charme hatte. Aber Constantini könnte ihm auch eine Chance zur Rehabilitierung geben.

Kein Heilsbringer

Scharner wäre, so pervers es im Nachhinein auch klingen mag, gegen Belgien gerne dabei gewesen. "Ich kann mich nicht abputzen, ich bin Teil der Mannschaft. Ich kann natürlich auch nicht behaupten, dass es mit mir anders ausgegangen wäre. Ich bin kein Heilsbringer, lediglich ein Führungsspieler, der seinen Einfluss geltend machen will." Die Erwartungshaltung sei überzogen gewesen. Dieser Kritik müsse sich die Kollegenschaft gefallen lassen. "Ich verstehe nicht, warum wir uns derart in der Favoritenrolle gesehen haben. Das war hausgemacht und übertrieben. Jetzt sind wir wieder auf dem richtigen Level angekommen. Obwohl Potenzial in der Mannschaft steckt."

Intern habe es harte Aussprachen gegeben. Scharner: "Es wird sich in Istanbul zeigen, ob es ein reinigendes Gewitter war oder ob wir noch mitten drinnen stehen." Dag und Scharner sind in der Wirklichkeit angekommen, vielleicht waren die beiden auch nie weg. Sie sagen: "Wir sind Außenseiter." Vorstellbar.(Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe, 28.3.2011)