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Während Einsatzkräfte in Fukushima über strahlende Lacken rätseln, demonstrierten in Tokio und hier in Nagoya Japaner gegen die Atomkraft.

Foto: EPA/FRANCK ROBICHON

Tepco sorgte mit falschen Daten aus dem Kraftwerk für Verwirrung und Angst.

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Im Reaktorgebäude 2 strahlt es gewaltig: An der Oberfläche von Lacken im Keller des Turbinenhauses wurden 1000 Millisievert pro Stunde gemessen - ein Wert, der nach kurzer Zeit ausreicht, um bei Menschen heftiges Erbrechen und Verbrennungen auszulösen. Nach vier Stunden kann diese Belastung tödlich sein.

Andere Schreckensmeldungen erwiesen sich als überzogen. Als Tepco am Sonntag vermeldete, in Wasserlacken in Reaktor 2 sei Jod 134 gefunden worden, schien der Super-GAU ein Stück nähergerückt. Noch näher lag glücklicherweise eine Verwechslung. Man prüfe erneut und habe wahrscheinlich Jod und Kobalt durcheinandergebracht, hieß es später.

Jod 134 ist ein sehr kurzlebiges Spaltprodukt, das in laufenden Reaktoren entsteht, Kobalt hingegen kann auch im Kühlwasser eines gestoppten Reaktors gefunden werden. Die Reaktoren in Fukushima waren nach dem Beben am 11. März abgeschaltet worden.

Arbeiter sollen Krankenhaus verlassen können

Schwächer strahlende Lacken - 400 Millisievert pro Stunde - waren bereits am Donnerstag in den Reaktorgebäuden 1, 2 und 3 gefunden worden. Woher sie gekommen sind, blieb unklar: Manche Experten spekulierten, es könne aus Lecks in Leitungen stammen, die die Reaktordruckkammer mit den Turbinen verbinden. Andere tippten auf einen Riss im Kondensationsring, in den im Notfall Dampf abgelassen wird.

Am Donnerstag waren zwei Arbeiter ins Spital gebracht worden, nachdem sie in Reaktor 2 ohne passende Schutzkleidung durch die Pfützen wateten. Am Sonntag waren sie immer noch wohlauf und zeigten keinerlei Symptome. Heute, Montag, sollen sie das Krankenhaus verlassen können.

Tepco versuchte, das verstrahlte Wasser aus den Gebäuden abzupumpen. In die Lagerbecken für gebrauchte Brennstäbe sowie in die Reaktoren 1, 2 und 3 soll Frischwasser statt Meerwasser gepumpt werden. Weitergearbeitet wurde auch an der Stromversorgung der Kontrollräume.

Weniger Jod in der Luft

Die Strahlenbelastung am Kraftwerksgelände ging am Sonntag leicht zurück. Auch in den umliegenden Präfekturen sanken die Werte an Jod 131. Im Meer einige hundert Meter vor Fukushima blieb die Belastung zum Teil fast 2000-fach erhöht. Experten gehen aber nicht davon aus, dass Fische stark betroffen sein werden: Der belastete Bereich sei klein, das Material würde sich rasch auf ein unbedenkliches Niveau verdünnen.

Yukiya Amano, der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO, geht davon aus, dass die Krise noch Wochen, wenn nicht gar Monate dauern könnte. In einem Interview mit der New York Times betonte der Japaner gleichzeitig, das sei keine Kritik an der Regierung seines Heimatlandes.

Demos in Japan

Die Bürger sehen das anders: 58 Prozent der Befragten kritisierten in einer Untersuchung der Nachrichtenagentur Kyodo den Umgang der Staatsführung mit der Havarie. Die Reaktion auf das Erdbeben und den Tsunami wird aber von ebenfalls 58 Prozent gelobt. Die Angst vor dem Super-GAU veranlasst mittlerweile auch Japaner zu demonstrieren - allerdings deutlich weniger als Europäer. Mehrere hundert Menschen besuchten am Sonntag Protestkundgebungen in Tokio und Nagoya. "Wir brauchen keine Kernkraft", skandierten die Teilnehmer in Tokio, die auch am Sitz des für Fukushima verantwortlichen Energiekonzerns Tepco vorbeimarschierten.

Knapp 9000 Kilometer von dem Unglücksreaktor entfernt war der Unmut weit größer. In Deutschland protestierten am Samstag mehr als 200.000 Kernkraftgegner in Berlin, Hamburg, Köln und München. In Rom beteiligten sich Tausende an einer Kundgebung gegen Regierungspläne, neue Reaktoren zu erlauben.

Zumindest für die deutschen Kraftwerksbetreiber ist die Stimmung in der Bevölkerung zweitrangig. Laut Spiegel prüfen die Unternehmen derzeit, gegen die zwangsweise Abschaltung der sieben ältesten Reaktoren im Land Einspruch zu erheben. Die Regierung ließ die Kraftwerke für drei Monate für Sicherheitsüberprüfungen abschalten. (moe, tob, DER STANDARD-Printausgabe, 28.3.2011)