Am Ende kommt natürlich doch alles heraus oder fast. „Imamleaks" tut seit heute seine Arbeit und will Zitate aus jenem Buchmanuskript veröffentlichen, das die türkische Justiz in einer seit dem Putsch von 1980 nicht mehr erlebten Weise zu unterdrücken versucht. „Die Armee des Imams", wie der geplante Titel des Buchs lautet, wäre ein weiteres Exemplar in der Bibliothek der Anti-Gülen-Literatur, die in den zurückliegenden Jahren in der Türkei entstanden ist. Der steht natürlich eine Pro-Gülen-Lobpreis-Reihe gegenüber, von der zumindest man getrost annehmen darf, dass sie ihre Finanziers hat. „Imamın Ordusu" - „Die Armee des Imam" - versucht zu zeigen, in welchem Maß die türkische Polizei von der diffusen Bewegung des islamistischen Predigers Fethullah Gülen unterwandert ist. Auch das ist kein neues Thema. Hanefi Avci, der ehemalige Polizeichef von Eskişehir, hat vergangenen Sommer ein ähnliches Aufdeckerbuch auf den Markt geworfen. Es wurde die Bibel der Kemalisten und bevorzugte Strandlektüre aller Gegner der AKP-Regierung in Ankara. Der Autor sitzt mittlerweile in Haft (http://derstandard.at/1285200087259/Der-freundliche-Staat-im-tuerkischen-Staat) und muss sich für eine Reihe von Verbrechen verantworten, die ungefähr von Waffenhandel bis maoistischer Weltrevolution und versuchter Abzweigung des Sonnenlichts reichen.

Nun ist aber auch der Autor des verhinderten Buchs „Die Armee des Imam" seit drei Wochen im Gefängnis, und die Umstände seiner Verhaftung sind so grotesk geworden, dass sich selbst Freunde der konservativ-muslimischen Regierung fragen, wohin die Reise denn nun geht. Ahmet Şik - renommierter Journalist, Buchautor, Lehrbeauftragter an der Istanbuler Bilgi-Universität - war am 7. März mit neun weiteren Kollegen verhaftet worden, darunter auch der ebenso bekannte Journalist der liberalen Tageszeitung Milliyet, Nedim Şener. Beiden wird vorgeworfen, dem ominösen Geheimbund Ergenekon anzugehören, über dessen Umsturzpläne Şik als eine der Ersten berichtet hatte. Nicht unbedingt logisch.

Şiks Buch über Gülens Einfluss auf die türkische Polizei soll - so der nächste Vorwurf der Staatsanwaltschaft - eine Auftragsarbeit im Dienst von Ergenekon sein. Noch schwerer nachzuvollziehen. Schließlich wird das Skript als so brandgefährlich für den Bestand des türkischen Staats eingestuft, dass die Polizei vergangenen Mittwoch sechs Stunden lang das Verlagshaus durchkämmt, das Şiks „Die Armee des Imam" veröffentlichen wollte, und am folgenden Tag in die Redaktion der Tageszeitung Radikal platzt. Dort sitzt Ertugrul Mavioglu, Kollege und Mitautor anderer Bücher von Şik, darunter eines zweibändigen „Führers" durch den Ergenekon-Fall. Mavioglu muss mitansehen, wie die Beamten ein Skript des „Imam"-Buchs von seinem Computer kopieren und die Datei dann löschen.

Die Regierung von Tayyip Erdogan - das lässt sich an den widersprüchlichen Reaktionen auf den Einsatz der Gedankenpolizei durch die Justiz ablesen - scheint nicht wirklich auf diese Entwicklung vorbereitet gewesen zu sein. Für den Wahlkampf der AKP wird die Hatz der Staatsanwaltschaft auf die Journalisten zur Belastung werden. Die Beziehungen zwischen dem Machtmenschen und Pragmatiker Erdogan und dem Welten- und Religionsfreund Gülen sind auch ein wenig komplizierter: Dass Erdogan Gülens Puppe ist oder beide an einem ungemein trickreichen Plan zur Iranisierung der Türkei arbeiten, glauben auch nur die Beton-Kemalisten. Aber vielleicht steht ja in Şiks Buch etwas Neues...