Nick Frost, Hauptdarsteller und Drehbuchautor des Sci-Fi Movies "Paul", bei der Premiere in Wien.

Foto: NBCUniversal

Das wirklich Relevante, meint ein Kollege, käme hier zu kurz. Und, konkretisiert er, er begehe jetzt nicht den Fehler, an dieser Stelle eine fundierte Auseinandersetzung mit Atomkatastrophen, europäischer Migrationspolitik oder dem perpetuierten innenpolitischen Stillstand bei allen Zukunftsthemen zu fordern: All das habe anderswo Platz - doch um nicht an dem zu ersticken, was ihm beim Gedanken daran hochkomme, brauche er Reservate der Belanglosigkeit. Fluchtorte. Plätze zum Durchatmen.

Doch dem Kollegen geht das hier Gebotene nicht weit genug. Um konsequent zu servicieren, meint er, müsse hier ein strengeres Regime des Irrsinns her. Und statt retrospektivem Spott solle hier nach vorne gerichtete Hilfe stehen. Konkreter Blödsinn, an dem man selbst teilhaben könne - oder der nachprüfbar ist.

Der Schuh-Orden

Der Kollege legte Beispiele vor. Erstens die Einladung zu einer Ehrung: Am 31. März am Vormittag werden "Mr. und Miss Shoe 2011" in der Wiener Sky Bar gekürt. Faszinierend ist da nicht bloß die Existenz dieser Auszeichnung, sondern auch, dass es tatsächlich Menschen gibt, die ein ganzes Jahr lang diesen Titel öffentlich und stolz tragen werden. Konkret werden das ORF-Sportmoderator Rainer Pariasek und das Popsternchenduo Luttenberger & Klug tun. Wobei sich noch die Nebenfrage stellt, wie und wieso zwei Frauen einen Miss-Titel geneinsam tragen - während bei den Männern schuhprämierungstechnisch das Highlander-Prinzip gilt.

Aus der Einladung geht hervor, dass die Sterne am Absatzfirmament nicht einfach gekürt werden, sondern sich eine fachkundige Jury lange den Kopf zerbrochen hat. Schließlich steht geschrieben: "Nach einer kurzen Begrüßung durch Dr. Kurt Riemer, Vorsitzender des Berufszweigs Schuhgroßhandel der Wirtschaftskammer Wien, wird die Jury-Vorsitzende Karin Wayssmaier, Chefredakteurin des Branchen-Fachmagazins Schuh&Lederwaren-Revue, die Jury-Entscheidung begründen. Danach erfolgt die feierliche Verleihung der Auszeichnung durch Joseph Lorenz, Präsident der Österreichischen Schuhindustrie, sowie KR Karl Novak, Obmann der Werbegemeinschaft der österreichischen Schuhwirtschaft und Vorsteher des Schuhfachausschusses Österreich."

Ob Laudatien und Dankesworte geplant sind, geht aus der Einladung nicht hervor. Ebensowenig, wer da auf der Shortlist stand. Schade. Sicher ist: Der Preis wird in der Adabei-Presse Niederschlag finden - so unhinterfragt, wie die meisten Prämierungen von VIP-Personal. Ebenso voraussichtlich werden wohl weder Michelle Luttenberger noch Chrissi Klug noch Rainer Pariasek jenes Format zeigen, das einst Helmut Zilk bewies. Als diesem einst der "Kalendario", der "Preis für Verdienste um das Kalenderwesen", überreicht wurde, sagte er, er habe zwar keine Ahnung, was er oder sonst wer je für das Kalenderwesen geleistet haben könnte, Preis und Titel nähme er aber an. Den Kalenderpreisvergebern schliefen da ein bisserl die Gesichter ein.

Polsterschlacht

Der zweite Hinweis betrifft eine Sportveranstaltung: Am Samstag den 2. April findet in Wien der "Pillow Fight Day" statt. Doch die Gefahr, dass Rainhard Pariaseks Schuh-Titel von seinen Sportreporterkollegen innerhalb und außerhalb des ORF so intensiv gefeiert wird, dass sich dieses Ereignis nicht in den Sportberichten zum Wochenende wieder finden kann, ist groß. Auch schade. Schließlich ist Pillowfighting eine ernst zu nehmende Sportart, zu der sich schon eigene Verbände bekennen (www.apfl.at/vienna, www.gopfl.com). Neuen Ideen eine Chance zu geben, ist ehrenhaft und verdienstvoll - und stellt den Förderer in ein erlauchtes Zitations-Umfeld. Denn Albert Einstein soll gesagt haben, dass eine Idee, die am Anfang nicht als völlig abwegig abgetan werde, es nicht wert sei, ernsthaft weiterverfolgt zu werden.

Womit wir beim dritten Beispiel wären. Denn vergangene Woche schleppte mich der Kollege zur Wiener Vorpremiere von "Paul". Zum Screening des Filmes über einen Außerirdischen, der von zwei Sci-Fi-Freaks durch den Biblebelt geschleust und an diversen US-Agenten vorbeigerettet werden muss, war auch Nick Frost, der Hauptdarsteller und Drehbuchautor gekommen. Und während davor, bei den Presseterminen, die Fach-Journaille öde und brav den üblichen Fragenkatalog durchgeackert hatte, kam aus dem Fan-Publikum nicht nur die Frage, wie Frost unter anderem Steven Spielberg und Sigourney Weaver dazu gewinnen hatte können, hier mitzumachen. Sondern auch jene, ob Frost demnächst wieder eine ganze Torte im Klo herunterspülen würde.

Das Filmgenre "Cakeflushing"

Der Filmmensch lachte - und erklärte: Vor einigen Jahren habe er zum Geburtstag so vieleTorten geschenkt bekommen, dass er die Entsorgungsfrage filmisch löste, indem er eine komplette, unversehrte Torte im Klo hinunter spülte - und die Videocam draufhielt.

Das Ergebnis, so Frost, habe er auf Youtube gestellt - und ob des Echos sei er heute noch verblüfft: "Wenn ihr als Suchbegriff cakeflushing oder etwas Ähnliches eingebt, bekommt ihr 50 oder 60 solcher Filme. Meiner dürfte der erste gewesen sein." Nachsatz: "Es ist schön, ein Filmgenre kreiert zu haben."

Als Epigone seiner selbst, erklärte Frost, habe er neulich - in Amsterdam - versucht, einen Bagel kameragerecht weg zu spülen. Das sei zum Fiasko geworden - und interkulturell lehrreich gewesen: "Ich habe den Unterschied zwischen europäischen und amerikanischen Toiletten gelernt. Die saugen ganz anders." Das Kinopublikum johlte glücklich.

Er könne sich, sagte der Kollege, als wir das Kino verließen, kaum vorstellen, dass es noch nutzloseres Wissen gäbe. Und dennoch sei derlei relevant: Die Vorstellung, dass da draußen tatsächlich Menschen über die Klospülbarkeit von Kuchen und Torten nachdächten, sei nicht nur grotesk, sondern auch tröstlich. Sie helfe, den ernsten Irrsinn des Alltags wenn schon nicht zu ändern, dann doch zumindest hin und wieder lächelnd zu ertragen. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 29.3.2011)