Wien - Als Umweltminister ist man in Europa derzeit gefragt und gefordert wie schon lange nicht. Meistens im Schatten "gewichtigerer" Ressorts stehend wie Finanzen oder Wirtschaft, wird plötzlich vom Bundeskanzler abwärts um Expertise gebeten, wie das mit den erneuerbaren Energien so ist. Die Ursache liegt in einem Wort mit neun Buchstaben: Fukushima.

Gut zwei Wochen ist es her, dass Erdbeben und Tsunami im Kernkraftwerk 250 Kilometer nordöstlich der japanischen Hauptstadt Tokio einen mutmaßlichen Super-GAU verursacht haben. Einmal mehr hat sich gezeigt, wie gefährlich Kernenergie ist, wenn etwas geschieht, was nicht geschehen sollte.

Seit das passiert ist, erhalten erneuerbare Energien verstärkt Rückenwind. Das deshalb, weil ein Stopp des Ausbaus von Kernenergie, wie das als Folge von Fukushima nun in einigen Ländern diskutiert wird, beziehungsweise das Abschalten alter AKWs, wie in Deutschland geschehen, eine Lücke reißt. Und diese Lücke will geschlossen werden, am besten durch "sauberen" Strom aus Wind, Sonne oder Biomasse.

"Bei uns hat die Energiewende vor 20 Jahren eingesetzt, als die ersten Biomassekraftwerke errichtet wurden", strich Umweltminister Nikolaus Berlakovich beim Montagsgespräch des Standard die Vorreiterrolle Österreichs heraus. Das sei damals ganz ohne Förderung geschehen, aus purer Not, weil für Holz kein Preis zu erzielen war. Nun müssten aber neue, globale Lösungen her.

4000 Euro Zusatzkosten

Der Energiehunger in der Welt steige, das zeigten Prognosen, in den kommenden 20 Jahren um 40 Prozent. Treiber seien die schnell wachsenden Volkswirtschaften in den Schwellenländern, die gegenüber der ersten Welt aufholen wollten. Der Preis von Rohöl, das auch im österreichischen Energiemix mit einem Anteil am Gesamtenergieverbrauch von rund 40 Prozent (siehe Grafik) eine fixe Größe ist, werde sich bei etwa 200 Dollar je Fass (159 Liter) einpendeln. "Das heißt, ein durchschnittlicher österreichischer Haushalt hat 3500 bis 4000 Euro Zusatzkosten pro Jahr", sagte Berlakovich. "Die Antwort darauf heißt Energieautarkie."

Was Güssing im Kleinen gelungen ist, nämlich mehr Energie herzustellen, als in der Stadt samt Umland verbraucht wird, sollte bis 2050 auch im Österreich-Maßstab möglich sein. Das sei nicht Wunschdenken, das hätten Berechnungen von Wissenschaftern ergeben. Wobei - als Insellösung will Berlakovich seinen Traum von Energieautarkie auch nicht realisiert wissen. Unterm Strich und per Saldo sollte es aber so sein, dass die benötigte Energie in Österreich selbst produziert wird.

"Zu langsam, viel zu zögerlich", kritisierte die Grüne Klubobfrau Eva Glawischnig den Zeitplan des Umweltministers. Der Umstieg von einem fossilen auf ein von erneuerbaren Energien angetriebenes Wirtschaftssystem müsse rascher erfolgen. "Wir haben keine Zeit zu verlieren", sagte Glawischnig in der von Standard-Kolumnist Gerfried Sperl moderierten Diskussion. "Wir investieren unreflektiert Milliarden in Autobahnen, statt das Geld in erneuerbare Energien umzulenken."

Für Helga Kromp-Kolb, Klimaforscherin an der Universität für Bodenkultur in Wien, ist es einerlei, wie lange es Rohöl noch geben wird. "Wenn wir wollen, dass der Temperaturanstieg bei zwei Grad begrenzt bleibt, dürfen wir in Zukunft schlicht kein Öl mehr verbrennen." Es gehe darum, eine Bremse einzubauen. "Unser gesamtes Wirtschaftssystem ist auf Wachstum aufgebaut. Das verkraftet unser Ökosystem nicht mehr."

Problem Verkehr

Susanna Zapreva, Geschäftsführerin von Wien Energie, ist überzeugt, dass es ohne einschneidende Maßnahmen die Energiewende nicht geben wird. Sie erinnerte daran, dass Strom nur einen Anteil von knapp 20 Prozent am Gesamtenergiemix hat und dass insbesondere im Verkehr und im Bereich Raumwärme Energiesparmaßnahmen greifen müssten. Einiges sei bereits geschehen. "Wenn man sich Fenster und Dämmmaterialien von vor zehn Jahren und heute anschaut, da liegen Welten dazwischen", sagte Zapreva.

Der Energieverschwendung im Verkehr will der Umweltminister mit Elektromobilität zu Leibe rücken. "Ich bin der erste Minister, der mit einem Elektroauto fährt. Andere kommen mit BMW und Audi. Da gibt es harte Widerstände zu überwinden." (Günther Strobl, DER STANDARD, Printausgabe, 30.3.2011)