Das Stoppzeichen für billige Klischees: Jens Harzer fordert mit Blick auf Peter Handkes Theater neue Betrachtungsweisen.

Zur Person:
Jens Harzer (39), zurzeit am Hamburger Thalia-Theater beschäftigt, ist einer der stilbildenden Schauspieler seiner Generation: ein elegischer Wortmusikkünstler, der bereits in München, Salzburg und Berlin erstrangig arbeitete.

Foto: Smailovic

Der introvertierte Starschauspieler Jens Harzer wird die Hauptrolle in der Peter-Handke-Uraufführung "Immer noch Sturm" bei den Salzburger Festspielen 2011 innehaben. Ronald Pohl gab er eines seiner raren Interviews.

Standard: In Peter Handkes Theatertext "Immer noch Sturm" wird die Familiengeschichte des Autors poetisch nachgestellt. Es treten die Großeltern, die Mutter, die Onkel und die Tante des Dichters auf dem Kärntner Jaunfeld auf, er selbst mengt sich als stummer Zeuge unter seine slowenischen Vorfahren. Welche Figur werden Sie spielen?

Harzer: Das ist noch nicht ganz klar. Der Wunsch von Handke und dem Suhrkamp-Verlag ist auf diese Ich-Figur gerichtet, über die sich das Geschehen entzündet, die das ganze Stück evoziert. Es gab jetzt auch eine Hinbewegung zur Figur des Gregor, des ältesten Bruders der Mutter, eines slowenischen Apfelbauers. Das ist noch in der Schwebe.

Standard: Man könnte die Ich-Figur des Erzählers ja auch herausnehmen aus dem szenischen Entwurf?

Harzer: Ich stütze mich bisher eigentlich nur auf meine Privatlektüre des Stückes. Dadurch, dass das für mich auch die erste Arbeitsbegegnung mit Regisseur Dimiter Gotscheff sein wird, gab es noch keinerlei Austausch.

Standard: Wie würden Sie Ihr Verhältnis zur poetischen Welt Peter Handkes beschreiben?

Harzer: Mir fällt das insofern schwer, weil ich vorausschicken muss, dass ich Handke wirklich sehr mag. Seit ich 16 bin, habe ich seine Werke gelesen. Eigentlich ist das nichts Öffentliches, weil natürlich durch die letzten Jahre die öffentliche Figur Handkes in einem anderen Licht dasteht. Aber als der Lesende, als der Nichtschauspieler, habe ich überhaupt nichts gegen Handke. Ich hege auf jeden Fall als Privatmensch ein zutrauliches Gefühl, und ich habe doch sehr viele seiner Bücher gelesen, auch in jüngeren Jahren. Ich bin von Handke in eine Schule des Sehens und Wahrnehmens eingeführt worden. Das in ihr Gelernte kann ich annehmen, auch ohne dass ich sagen muss: "Mein Gott, ist das verbrämt!" Manche nennen das vielleicht sogar kitschig. Dieses Problem habe ich nicht, Handkes Literatur teilt sich mir mit.

Standard: Sie meinen Handkes Empathie mit den kleinen, unscheinbaren Dingen?

Harzer: Und sein Einzelgängertum. Allein unterwegs sein mit den Sachen, die man sich ausgesucht hat, die man zu erleben wünscht, die natürlich immer subjektiver werden. Der Wunsch, sich immer sehnlicher der restlichen Welt mitzuteilen und dabei vielleicht immer verquerer und schrulliger zu werden, auch trotziger und wütender. Das ist keine maßgebliche Meinung, aber ich habe das gern.

Standard: "Immer noch Sturm" enthält einige Paradoxien. Der Text weist sich als Theaterstück aus und dementiert das zugleich. Er ist statisch und stark erzählerisch. Wie geht man damit auf der Bühne um?

Harzer: Ich glaube, dass genau diese Gespaltenheit der Gattung - ob es sich nun um ein Stück Prosa oder ein Thea- terstück handelt - die Möglichkeit für das Theater enthält, eine spezifische Antwort zu finden, die dann vielleicht selber in einer Mitte liegt. Das Stück schreit ja zunächst nicht danach, aufgeführt zu werden. Es ruft ja nicht nach szenischen Ideen ...

Standard: Eigentlich der Albtraum für jeden Theaterschaffenden.

Harzer: Jeder Text fordert das Theater heraus, eine genauso eigene, subjektive Sicht erst einmal zu erfinden. Es gibt hier diese typisch Handke'sche offene, weite Fläche, diese Bühnenmetapher oder Weltmetapher der Bühne. Die erlaubt dadurch, dass vorab nichts eingeengt wird, Schneisen durch das Weltdickicht zu schlagen. Ich glaube aber, in diesem Fall wird es spannend sein, eine Notwendigkeit zu entdecken. Dass man Immer noch Sturm aufführt, dass man es überhaupt auf die Bühne bringt. Ich glaube, es ist eine schöne Chance, dass jetzt ein nicht so in der Handke-Rezeption stehender Regisseur wie Gotscheff auf diesen Autor trifft und vielleicht auch Schauspieler dabei sind, die nicht so auf die Peymann-Welt festgelegt sind.

Standard: Sie meinen Claus Peymanns langjähriges Monopol auf Handke-Uraufführungen?

Harzer: Man muss, ausgesetzt auf dieser weiten Fläche der Poesie, einen Zugriff finden, der es notwendig macht, diese Welt erst einmal zu erschaffen. Ich persönlich stelle mir da eher etwas Kargeres, härter Gefügtes vor, damit der theatralische Vorgang losgehen kann. Bevor man so eine weißgeschminkte Zirkus-Roncalli-Welt erfindet, die es, ich bitte um Verzeihung, bei Peyman manchmal halt auch gab, in der dann die Schnipsel als Blätter fallen ...

Standard: Bei Dimiter Gotscheff besteht die Aussicht auf ein raueres, archaischeres Herangehen?

Harzer: Ja. Insofern könnte daraufhin wieder so eine Ich-Figur das Stück in Gang bringen, durch Erinnern, Sprechen oder auch Schweigen. Es ist notwendig, diese "Familienaufstellung" stattfinden zu lassen. Das wird aber nicht aus dem Anwerfen der Theatermaschine heraus funktionieren, sondern nur aus dem unbedingten Wunsch der Figur heraus, sich an ihre Familie zu erinnern.

Standard: Inwieweit ist Ihnen die Kärntner Topografie, der Lebens- und historische Erfahrungsraum der Kärntner Slowenen geläufig?

Harzer: Natürlich weiß ich nicht genug, aber ich weiß schon ein wenig. Das würde ich genau so aufteilen: Ich weiß ganz wenig aus Eigenem, nur aus einem vierwöchigen Ferienaufenthalt mit den Eltern Ende der 1970er-Jahre. Das ist ein touristischer Blick: Wir waren in einem versteckt gelegenen Bauernhof, ganz in der Nähe der Gegend, in der viele Sachen von Handke spielen. Wenn ich die Handke-Texte, die sich mit Kärnten beschäftigen, mit meinem Kindheitseindruck vergleiche, mit dieser schönen, ärmlichen Gegend, dann ist das die Sache eines westdeutschen Jungen.

Andererseits hat sich dieser Eindruck in die Lektüreeindrücke über die Jahre immer wieder mit hineinverwoben. Insofern ist mir das natürlich eher, durch Handkes Vermittlung, eine poetisch nahe Landschaft. Ich bin jetzt auch auf ein interessantes Buch über die Opfer der Nazis in Kärnten gestoßen, und natürlich lernt man den Genius Loci kennen, wenn man mit einem Regisseur wie Martin Kusej zu tun hat. Andererseits, wenn man ab und zu bei Ingeborg Bachmann genauer nachliest, erlebt man die Transzendierung Kärntens in eine Märchenwelt.

Standard: Handkes Verhältnis zum Begriff der Geschichte ist ein schmerzlich problematisches. Er postuliert seine Distanz zu den Begriffen, sobald diese überhandnehmen, die konkrete Erfahrung zu ersticken drohen. Ist Ihnen seine Haltung nachvollziehbar?

Harzer: Wenn ich Handke lese: über die Dauer lese und auch in den Nebenwerken, ich lese gerade die Morawische Nacht: Das klingt jetzt fast wie ein Sakrileg, aber ich glaube, das gleicht manchmal einem unterschwelligen Appell, wenn er sich selber so ins Wort fällt. Wenn er "Was ist das wirklich, oder was?" hinschreibt, als wäre es fast unwichtig! Als wäre der Wunsch, die Dinge festzuhalten, vermessen. Als würde er sich selber manchmal auch gar nicht so wichtig nehmen wollen, anders als wenn er einen Sonnenuntergang oder eine Blume ausführlich beschriebe. Ich glaube, das ist fast ein Angebot, ihn weniger schwer zu nehmen, als man denkt.

Standard: Handke scherzt?

Harzer: Er nennt das ja "innige Ironie". Das ist im Übrigen etwas, das derjenige Autor, der über Jahre hinweg gemeinsam mit ihm genannt wurde und von dem ich, im Gegensatz zu Handke, sehr viel gespielt habe, Botho Strauß, mit ihm teilt. Als wären diese beiden Autoren eigentlich leichtsinniger, als man es von ihnen denkt. Als würden sie auch mit denjenigen Äußerungen, die über das poetisch-literarische Werk hinausreichen, die also das Zeitgeschehen berühren, sich manchmal selber kitzeln wollen. Sie wagen sich dann in Sachen hinaus, die sie so vielleicht gar nicht beherrschen. Aber sie besitzen als Weltgeister natürlich jedes Recht dazu.

Standard: Wer mit Peter Handke Theater macht, müsste also mit Leichtigkeit verführen?

Harzer: Ohne dass man das, wie bei manchen Handke-Aufführungen von anderen Regisseuren, an so eine allgemeine Theaterpoesie anknüpft. Wir müssen sozusagen einen spezifischen Punkt finden, der neben den ausgetretenen Rezeptionsbahnen liegt. Diesen hätte der Erinnernde, den ich spiele, zu durchlaufen. Er besäße einerseits die Macht, andererseits die Wut. Er müsste diesen Teil der Familiengeschichte, vor allem den des Widerstandes und der Kriegszeit, herausarbeiten, aber gleichzeitig eine Gegenfarbe ins Spiel bringen. Aber das sind eher aneinandergereihte Assoziationen. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.3.2011)