Sie könnten viel zum Abbau herrschender Vorurteile beitragen, die sowohl gegenüber den Islam, als auch gegen TürkInnen selbst gehegt werden.

Foto: Yilmaz Gülüm

Es ist ein sehr romantisches Bild, das viele von Europa zu haben scheinen. Ganz so, als gäbe es keine Korruption, das System funktioniert und alle sind wahnsinnig modern. An fremdenfeindliche Stimmung wird nicht gedacht. Die höheren Gehälter und Lebensstandards sind verlockend genug. Der Aufwand zur Gleichstellung der Abschlüsse wird da schon in Kauf genommen.

Nicht viele scheinen die Taten Straches, Wilders' und wie die Rechten Europas sonst noch heißen, zu kennen. Ich erzähle dann zum Beispiel einer Medizinstudentin, die in Europa als Augenärztin arbeiten will, dass sie in Österreich nicht als Ärztin wahrgenommen werden würde. Sie würde sich in mitten einer Integrationsdebatte wieder finden, und fortan ein "Mensch mit Migrationshintergrund" sein.

Sie wäre dann ein Zeichen der "Überfremdung", eine "Gefahr für die heimische Kultur". Sie hätte einen endlos langen Integrationsprozess vor sich, von dem niemand so genau weiß, wie er eigentlich aussehen soll. Ihr Gehalt wäre höher als in der Türkei, vorausgesetzt sie arbeitet in einer Gegend, in der auch genug ÖsterreicherInnen zu einer türkischen Ärztin gehen wollen.

Ein europaweiter Trend

Es ist schwer, eine für mich gewohnte Situation verständlich zu erklären. Ich versuche dann einen Trend zu beschreiben: In der Schweiz wird der Bau von Minaretten verboten. In den Niederlanden nennt Geert Wilders vor Gericht den Islam eine Ideologie, die sich "vor allem durch Mord und Totschlag auszeichnet". In Frankreich hapern noch die Urenkel von algerischen und tunesischen ZuwanderInnen damit, in der Mitte der Gesellschaft anzukommen. In Deutschland wird Sarrazin's "Deutschland schafft sich ab" zum Bestseller. Die Beispiele gehen einem jedenfalls nicht aus.

Und Österreich? Nun, bei Nationalratswahlen 2002 hatte die FPÖ noch 10 Prozent. Aktuelle Umfragen sehen die Freiheitlichen knapp an der 30 Prozent Marke. Eine Regierungsbeteiligung, vielleicht sogar mit blauem Kanzler, scheint da nur eine Frage der Zeit. All diese Beispiele sind Ausdruck einer bestimmten Stimmung, die in den nächsten Jahren wohl nicht um 180 Grad kippen wird.

Eine vertane Chance

Viele der Studierenden, die ins Ausland gehen wollen, gefällt der islamisch-konservative Kurs der türkischen Regierung nicht. Sie sind es leid, wie Religion instrumentalisiert wird. Ob ihnen die Art und Weise, wie Religion in Österreich instrumentalisiert wird, wohl besser gefallen würde?

Nüchtern betrachtet darf man auch eines nicht vergessen: Die türkische Wirtschaft wächst rasant schnell. 2010 konnte das Land ein geschätztes Wachstum von 7,3 Prozent verbuchen und war damit europaweit Spitzenreiter. Unter diesen Bedingungen werden sich wohl auch die Arbeitsbedingungen stetig verbessern, wenn auch langsam.

Ich würde den KollegInnen gerne empfehlen können, nach Österreich, oder sonst wo nach Europa, zu gehen. Nicht, weil ich glaube Österreich braucht dringend noch ein paar TürkInnen mehr. Sondern weil diese Menschen zumeist liberale, gut ausgebildete und weltoffene Menschen sind. Vom herrschenden Fachkräftemangel einmal abgesehen. 

Sie könnten viel zum Abbau herrschender Vorurteile beitragen, die sowohl gegenüber den Islam, als auch gegen TürkInnen selbst gehegt werden. (Yilmaz Gülüm, 04. April 2011, daStandard.at)