Wien - In den Kommentaren der Mittwoch-Ausgaben österreichischer Tageszeitungen dominiert die ÖGB-Demonstration gegen die Pensionsreform von Dienstagabend:

In den "Salzburgen Nachrichten" ist zu lesen: "Vordergründig betrachtet hat der ÖGB gestern eindrucksvoll seine Stärke demonstriert. Der Nachweis allerdings, dass an den Gewerkschaften politisch kein Weg vorbeiführt, steht noch aus. Und an diesem Nachweis ist den Gewerkschaften in der Auseinandersetzung um die Pensionsreform zuallererst gelegen. Bundeskanzler Schüssel freilich verfolgt das gegenteilige Ziel. Er will vorführen, dass jede Regierung in Zukunft große Sozialgesetze auch ohne die Gewerkschaften durchsetzen kann. Darin ist der Grund zu suchen, warum das Datum 4. Juni eine so entscheidende Rolle spielt. Beschließt der Nationalrat an diesem Tag die Pensionsreform, hat Schüssel gewonnen und einen Paradigmenwechsel herbeigeführt. Muss der Bundeskanzler das Gesetz aber auf Herbst verschieben, ist die Gewerkschaft wieder das, was sie lange war - ein unbestrittener Machtfaktor im Land. Für ÖGB und Kanzler geht es also um viel, für die Sozialpartnerschaft möglicherweise um alles."

"Die Presse" schreibt: "Mitleid musste man mit den von Hagel und Blitz erfassten Gewerkschafts-Demonstranten haben. Dennoch ist es bloßes Gerücht, dass die Wetterlage ein Hinweis des Himmels auf die Verankerung Gottes in der Verfassung wäre - oder umgekehrt eine Unterstützung gewerkschaftlicher Wünsche. Wir sollten daher bei durchaus irdischen Maßstäben bleiben. Der eine ist der Rechtsstaat. Den hat die Gewerkschaft diesmal (mit Ausnahme der Lehrer) penibel eingehalten. Demonstrationen wurden korrekt angemeldet. Schäden für Dritte wurde gering gehalten."

In den "Vorarlberger Nachrichten" heißt es: "Taubeneigroße Hagelschloßen, sturzbachartige Regengüsse, überschwemmte Straßen, Blitz und Donner: All das hat die Demonstranten in Wien gestern auf ihrem Marsch zum Regierungssitz am Ballhausplatz nur wenig beeindruckt. Wolfgang Schüssel mag das Unwetter von seinen Bürofenstern aus dennoch mit Schadenfreude verfolgt haben. Gehörig nass geworden sind die Teilnehmer allemal, und ein paar Tausend mehr wären bei strahlendem Sonnenschein gewiss auch gekommen. Beeindrucken lassen hätte sich die Regierung aber auch davon nicht. Stoppen können die Pensionsreform nur noch die Feinde in den eigenen Reihen, allen voran Jörg Haider."

Das "Neue Volksblatt" kommentiert: "Ob der ÖGB nun viele oder wenige Demonstranten mobilisieren kann - den Gewerkschafts-Protesten haftet ein massiver Makel an. Über Jahre hat eben dieser ÖGB sämtliche Pensionssicherungs-Versuche verwässert bis verhindert. Die Verantwortung für jetzt nötige Härten kann auch bei ihm gesucht werden. Wobei die Frage, was wirklich notwendig und was überzogen ist, offen bleibt. Das bisherige Regierungsmanagement der Pensionsfrage ließ zu wünschen übrig. Wer überschießende Positionen vorlegt, verspielt unnötig Kredit bei der Bevölkerung. Für Schüssel entwickelt sich die Debatte damit zunehmend zur Belastung seiner Regierung." (APA)