Das Martyrium der Geiseln auf der südphilippinischen Insel Jolo im Jahr 2000 markierte einen Höhepunkt. Wie keine andere Entführung von Touristen aus reichen Staaten führte sie der "westlichen" Öffentlichkeit die Gefährdung Fernreisender durch politisch oder finanziell motivierte Täter(gruppen) vor Augen: eine Gefahr, die mit der Ausbreitung des modernen Tourismus steigt. Und mit ungelösten lokalen und internationalen Konflikten.

Von Ende April bis Ende August dauerte auf Jolo das Tauziehen um die mehr als 30 Malaysier, Deutschen, Franzosen, Finnen, Philippinen sowie eine Libanesin. Gezielt ließen die Entführer - Mitglieder einer Splittergruppe der aufständischen Abu-Sayyaf-Bewegung - Journalisten zu den Gefangenen. Ihre politischen Forderungen blieben dennoch unklar.

Gaddafi zahlte "Entwicklungshilfe"

Dafür dokumentierten die Journalisten für die gesamte internationale Medienöffentlichkeit zum Beispiel den körperlichen Verfall der deutschen Geisel Renate Wallert. Wallert kam nach zwölf Wochen frei. Die große Geiselfreilassung gelang aber erst, nachdem sich - neben mehreren europäischen Außenministern - Li 2. Spalte byens Staatschef Muammar Gaddafi um die Konfliktbeilegung bemühte: mittels Zahlung von umgerechnet 27,098.470 Euro, die als "Entwicklungshilfe für den philippinischen Süden" deklariert wurden.

Geld, höhere Beteiligung an Erdölkonzessionen oder auch "nur" ein besserer Zugang zu sauberem Wasser: Um die Erfüllung von Forderungen wie diese ging und geht es bei Touristenentführungen im arabischen Staat Jemen. Rund 150 Reisende wurden schon in den

1980er-Jahren zu Geiseln, Hunderte waren es zwischen 1990 und 2000. Besonders berüchtigt war die als "Kidnapper-Highway" bekannte Straßenverbindung zwischen den nordjemenitischen Städten Sanaa und Saada: Touristen wurde (und wird) empfohlen, diese nur mit polizeilicher Begleitung zu befahren.

Mit dem Auftauchen der radikalen "Islamischen Armee Aden-Abjan" im Jahr 1998 mischten sich dann religiös-politische Inhalte in die ursprünglich clanpolitischen Motive der Entführer. Die islamistischen Kämpfer gingen mit ihren Opfern brutal zu Gericht: Nachdem 1998 vier Touristen ihre Entführung nicht überlebten, wurde im Jemen auf Entführung die Todesstrafe ausgesetzt. Dennoch kommt es auch heute immer wieder zu Verschleppungen und - um die Verschleppten zu befreien - bewaffneten Kämpfen von Regierungstruppen mit den Erpressern

Radikalmarxisten

Kolumbien, Kaschmir, Kurdistan, Uganda, Ägypten - aber auch die Türkei und sogar Griechenland: so weit die Liste von Ländern, in denen es allein in den letzten fünf Jahren zur gewaltsamen Entführung von Reisenden kam. Im südamerikanischen Kolumbien etwa drohten im Jahr 1998 die radikalmarxistischen Revolutionären Streitkräfte (Farc), vier US-Bürger und einen Italiener zu ermorden. Die Geiseln gingen letztendlich frei.

Keine Rettung gab es hingegen für fünf Geiseln im umkämpften indi 3. Spalte schen Bundesstaat Kaschmir: Die muslimische Untergrundgruppe El Faran hatten sie im Jahr 1995 entführt, um gefangene Kämpfer aus indischen Gefängnissen freizupressen. Die Unsicherheiten um sie währten bis 1998.

Geiselnahme auf dem Luxusschiff

Dabei droht die - weltweit betrachtet nicht allzu große - Gefahr, vom Touristen zur Geisel zu werden, nicht nur in den rauen und abgelegenen Teilen der Welt. Man erinnere sich nur an die Entführung des italienischen Luxuspassagierschiffs "Achille Lauro" im Jahr 1985, im Zuge derer ein jüdischer US-Amerikaner erschossen wurde. (bri, DER STANDARD/Printausgabe 15. Mai 2003)