Wien - Im Landesgericht hat sich viel verändert. Massen von Schülergruppen pilgern jetzt durch die Gänge und verleihen dem "Grauen Haus" musealen Charakter. Mitunter wird ein Museumsstück, oft dunkelhäutig wegen der Drogenkriminalität, mit Handschellen vorbeigeführt. Die Schüler staunen, da muss wo ein Gefängnis sein.

Zuletzt ist das Jugendgericht hier eingezogen. Man meint sich nun noch mehr in einer Lehranstalt. Im Saal 106 sitzen vier Junge in der Anklagebank: der Tommy, zweimal eine Babsi und der Franz. Der Richter bittet die Eltern in die erste Reihe. Auch Bewährungshelfer sind für die Kinder da.

Werdegang

Die vier werden nach ihrem Werdegang gefragt. Sie kommen aus mittelguten Häusern. Tommy hat sechs Geschwister, das war vielleicht ein bisschen zu viel für ihn. Die Schule hat er rasch erledigt, jetzt arbeitet er an einer Tankstelle. In der Freizeit zieht er mit Freunden herum. Ach ja, zwei Verurteilungen sind ihm schon passiert, Diebstahl und noch so ein Blödsinn. Die beiden Barbaras sind schüchterne Pubertierende, wissen noch nicht recht, wo es cool ist, hinzugehören. Eine macht gerade Maturaschule, die andere will vielleicht arbeiten, aber was? Alkohol vertragen sie nicht, das macht sie aggressiv. Eine Barbara nennt man deswegen "Kampfzwerg". Franz ist ein an sich braver Lehrling. Aber am 7. Februar war auch er dabei.

Eskalation

Die vier hatten einige Liter Cola-Rot getrunken, wollten Zigaretten besorgen. Beim Automaten stand ein Türke. Er sollte ihnen Geld geben. Er weigerte sich. Die Barbaras spuckten ihn an. Tommy zeigte, dass er schon starke Filme von Straßengangs gesehen hatte. Angst hatte er keine, sondern ein Messer. Der Türke wurde niedergerempelt. Die Barbaras traten ihm ins Gesicht. "Es ist eskaliert", schätzt Tommy. Der Türke erlitt einen Nasenbeinbruch, Rippenprellungen, Kopfverletzungen.

Das könnte versuchter schwerer Raub gewesen sein. Die Geschworenen erfahren, dass sie es in der Hand haben, über die Zukunft von vier Jugendlichen zu entscheiden. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 15.5.2003)