Einen für Saudi-Arabien ungewöhnlichen Schritt der Transparenz tat Kronprinz und Regent Abdullah, als er sich am Dienstagabend via Fernsehen an die Bürger des Landes wandte und in scharfen Worten die Anschläge vom Vorabend verurteilte. Zuvor hatte er die von Aus- ländern bewohnte Anlage in der Hauptstadt Riad aufgesucht, in die sich Montagnacht neun Selbstmordattentäter den Weg freigeschossen und dann ihre Sprengsätze gezündet hatten.

Die Rede des Regenten wurde teilweise auch in den Tageszeitungen abgedruckt, er versprach, die "Gruppe von verdorbenen Leuten und diejenigen, die sie unterstützen, auszumerzen". Es handle sich um "blutrünstige Tiere", die keine "islamischen oder menschlichen Werte" kennen.

"Fremde Elemente"

Obwohl auch von Repräsentanten des Regimes, etwa Geheimdienstchef Prinz Nawaf bin Abdulaziz, weiter die Linie vertreten wird, dass die Angriffe "von fremden Elementen" kommen, ist in der Kommentierung der Ereignisse der Weg zu erkennen, den man hier seit dem 11. September 2001 zurückgelegt hat.

Die Tageszeitung Arab News titelte ihren Leitartikel am Mittwoch mit "Der Feind von innen" und sprach von den "neuen Faschisten". "Wir müssen uns damit auseinander setzen, dass wir hier ein Terrorismusproblem haben."

In einer Kolumne in derselben Zeitung erinnert der Autor daran, dass auch nach dem Anschlag auf die Twin Towers hierzulande weitgehend geleugnet wurde, dass die Attentäter aus Saudi-Arabien stammten, und stellt die Frage: "Wen versuchen wir zu täuschen, uns selbst oder die internationale Gemeinschaft?"

Ungerecht

Das Wort "Al-Kaida" wird in den Medien spärlich eingesetzt, eher nur in Zitaten, etwa von US-Außenminister Colin Powell, der am Dienstag Riad und dabei auch die schwer devastierte Wohnanlage besuchte. In einem Gespräch mit der österreichischen Außenministerin Benita Ferrero-Waldner, die am Dienstag in Riad nur kurz nach der Abreise von Powell eingetroffen war, machte Außenminister Prinz Saud darauf aufmerksam, wie ungerecht es sei, von Saudi-Arabien immer als dem Ausgangsland für Terrorismus zu sprechen. Nun könne man sehen, dass Saudi-Arabien auch Opfer sei.

Außenministerin Ferrero-Waldner berichtete nach ihren Gesprächen, dass überall betont wurde, dass Terrorismus ein internationales Phänomen sei, nicht eines, das nur der islamischen Welt zugeordnet werden dürfe.

Unter den Ausländern in Riad hat der Anschlag großes Erschrecken hervorgerufen, fast jeder kennt jemanden, der in der Anlage wohnt. Es sei das erste Mal, dass die Terroristen einen großen Anschlag gegen Ausländer im Allgemeinen verüben (individuelle Anschläge gibt es immer wieder, sagt ein europäischer Diplomat), diesmal kam kein Angehöriger einer militärischen US-Einrichtung zu Schaden, die normalerweise das Ziel von Attentaten sind.

Kritik an beiden Seiten

Verurteilungen des Attentats, aber auch Kritik an der amerikanischen Politik als Ursache kann man von SaudiArabern hören. Ein Geschäftsmann nennt Al-Kaida eine "Mafia, die mit uns nichts zu tun hat", er ist gleichzeitig überzeugt, dass es "den Amerikanern im Irak nur ums Öl geht".

In den Gesprächen der Außenministerin mit Kronprinz Abdullah, Prinz Saud und anderen Offiziellen standen neben den aktuellen Ereignissen und der Lage im Irak die neuen Versuche im Mittelpunkt, den israelisch-palästinensischen Friedensprozess wieder in Gang zu bringen.

Prinz Saud sprach sich dafür aus, die von den USA vorgelegte Roadmap in einer Sicherheitsratsresolution zu verankern, um beide Seiten in die Pflicht zu nehmen. Der saudische Friedensplan wurde auf europäische Initiative - wobei sich das österreichische Außenministerium besonders eingesetzt hat - in die Roadmap mit aufgenommen. Es ist der einzige Hinweis in dem Dokument, dass eine umfassende, also auch Syrien und den Libanon einschließende Friedenslösung am Ende des Prozesses stehen soll. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.5.2003)