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APA-FOTO: BUNDESHEER/DRAGAN TATIC

Ein alter Mann, gebrechlich, aber mit hellwachen Augen, viel Humor und einem noch immer scharfen Verstand: Shenouda III., das Oberhaupt der koptischen Christen in Ägypten, analysierte für Außenminister Michael Spindelegger am Montagabend in der schwer bewachten Kairoer Abbasiya-Kathedrale die dramatische Lage der Kopten in dem Land.

Über die revolutionären Umstürze geriet das Schicksal der koptischen Minderheit bisweilen fast in Vergessenheit. Nur wenige Wochen vor dem Ausbruch der Revolution kamen am Neujahrstag in Alexandria mehr als 20 Menschen bei einem islamistischen Attentat ums Leben.

"Ja, wir Christen in Ägypten haben schon ein Kreuz zu tragen", erklärte Shenouda. Aber die Gläubigen ließen sich nicht einschüchtern oder gar verängstigen: "In solchen Zeiten suchen die Menschen Gott noch mehr, die Kirchen sind voller als je zuvor."

Zwar nahm der 117. Patriarch von Alexandrien, der den Titel "Papst des Stuhles vom Heiligen Markus" führt, die Regierung und auch das Militär von der Gewalt gegen die Kopten aus, jedoch: "So wie mit uns umgegangen wird, das ist natürlich schon Politik."

Freilich, eine Politik der Fundamentalisten, die fest darauf bauen, dass der Artikel 2 des ägyptischen Verfassungsentwurfs so bleibt wie er ist: Der Islam ist in Ägypten Staatsreligion, und die Scharia, das islamische Recht, ist dessen hauptsächliche Rechtsgrundlage.

Ein Umstand, den die Kopten fürchten. Deshalb verlangt Shenouda III. verfassungsmäßigen Schutz: "Ich weiß sehr wohl, dass der Artikel 2 niemals geändert werden kann. Was wir aber anregen wollen, ist ein Zusatz zum Verfassungsartikel, der für Nichtmuslime eine gesonderte Regelung vorsieht." Spindelegger erklärte, er wolle sich auf europäischer Ebene dafür einsetzen, dass in Ägypten die Religionsfreiheit per Verfassung garantiert wird.

Auch mit Ministerpräsident Essam Sharaf diskutierte Spindelegger am Dienstag über religiöse Minderheiten sowie über die Frage der Wahrung der Menschenrechte in der neuen Verfassung.

Nach einem Treffen des Außenministers mit seinem ägyptischen Amtskollegen Nabil Elaraby bekräftigte dieser den Focus der Übergangsregierung auf die Bemühung für die Entwicklung einer umfassenden Zivilgesellschaft. Übergeordnetes Ziel sei die Ermöglichung demokratischer und vor allem transparenter Parlaments- und Präsidentenwahlen.

Die Lage im Gazastreifen bezeichnete Elaraby als "untragbar". Palästinenserpräsident Mahmud Abbas wird am heutigen Mittwoch in Kairo erwartet.

Auch die prominentesten Präsidentschaftskandidaten, Amr Mussa und Mohamed ElBaradei, traf Spindelegger am Dienstag.

Dialog-Zentrum in Wien

Der interreligiöse Dialog stand im Zentrum der Visite in der Al-Akhar-Universität, der höchsten Autorität im sunnitischen Islam. Spindelegger informierte dabei Großscheich Ahmed al-Tayeb über das in Planung befindliche König-Abdullah-Zentrum für den Dialog zwischen den Religionen und Zivilisationen. Proponenten dieser internationalen Institution, die ihren Sitz in Wien haben wird, sind Saudi-Arabien, Spanien und eben Österreich. (Gianluca Wallisch aus Kairo, STANDARD-Printausgabe, 06.04.2011)