Kleine Gesten sagen oft mehr als tausend Worte. Der amerikanische Außenminister Colin Powell klopfte nach einem gemeinsamen Presseauftritt im Kanzleramt nicht dem deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder, sondern seinem Amtskollegen Joschka Fischer locker auf den Rücken. Schröder drückte Powell nur kurz die Hand, während er mit Fischer ausgiebig beim Händeschütteln vor Fotografen posierte. Beim Besuch Powells in Berlin wurde offensichtlich, wie sehr Schröder mit seinem Wahlkampf, in dem er den Antiamerikanismus schürte, die US-Administration verärgert hatte.

Mehr als eine kleine Geste, sondern vielmehr ein Affront war, dass just vor dem Gespräch Powells mit Schröder in Berlin US- Präsident George Bush im Weißen Haus in Washington den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU), der nicht einmal Oppositionsführer in Deutschland ist, traf. Zwischen Schröder und Bush besteht dagegen seit Monaten kein direkter Kontakt mehr. Zu dem von Berliner Seite lancierten Wunsch, dass es bei einem der nächsten internationalen Gipfeltreffen zu einem Vier-Augen-Gespräch zwischen Schröder und Bush kommen möge, beschied Powell über deutsche Medien, es werde wohl nur ein Treffen "in der Gruppe" geben.

Der große Durchbruch ist bei Powells Visite in Berlin ausgeblieben, auch wenn Schröder den USA Entgegenkommen signalisierte. Dass Deutschland nun die Aufhebung der UN-Sanktionen gegen den Irak unterstützt, ist ein Zugeständnis an Washington. Das von Schröder angesprochene stärkere Engagement bei der UN-Schutztruppe für Afghanistan ist offensichtlich als Alternativangebot gedacht, damit die USA nicht auf einer deutschen Beteiligung im Irak bestehen. Wie das Treffen zeigte, bleibt das Verhältnis auf höchster Ebene zwischen Berlin und Washington dennoch angespannt. Schröder muss sich auf einen längeren Canossagang einstellen.(DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.5.2003)