Bild nicht mehr verfügbar.

Außerhalb des Hauses, in dem Xavier Dupont de Ligonnès seine Frau und seine vier Kinder ermordet haben soll, werden zum Gedenken Blumen hinterlassen. Der Tatverdächtige wird noch immer gesucht.

Foto: REUTERS/Julie Louise

Er heißt Dupont, ein Name, der in Frankreich so häufig ist wie Meier in Österreich. Sein ganzer Name lautet allerdings Dupont de Ligonnès - und der einfache Mann mit dem Adelsprädikat lebte gerne über seine Verhältnisse; er gefiel sich in einem Doppelleben und soll zuletzt, seine ganze Familie erschossen haben - Gattin und vier Kinder. Eiskalt, methodisch, eine Person nach der anderen. Am Donnerstag werden die Ermordeten in Nates verabschiedet.

Auch seine Flucht plante Xavier Dupont offenbar bis in die Details: Der 50-Jährige kaufte große Jutesäcke und körperzersetzenden Kalk und nahm Schießstunden, bevor er seine Familie offenbar über mehrere Tage hinweg auslöschte und sie im Garten seines Hauses in Nantes vergrub. Dann floh er nach Südfrankreich, nächtigte noch in einem Luxushotel, dann verliert sich seine Spur. Die Polizei vermutet, dass der meistgesuchte Mann Frankreichs auch Fluchtmittel und Mobiltelefon im voraus bereitgestellt hatte.

"Er ist zu trocken, zu rigid, zu militärisch"

So unauffindbar Xavier Dupont de Ligonnès ist, so deutlich wird bereits sein Charakterprofil. "Er ist zu trocken, zu rigid, zu militärisch", klagte seine Gattin Agnès schon 2004 auf einem Internetforum, in dem sie ihr tägliches Höllenleben im hübschen Reihenhausquartier schildert: "Er ist die ganze Woche unterwegs. Und wenn er am Freitagabend nach Hause kommt, habe ich nur eine einzige Lust - zu weinen. Hilfe!"

Was der Einzelunternehmer unter der Woche tat, wusste selbst die Familie nicht recht. Er hatte eine Werbefirma gegründet, doch die lief schlecht. Außerdem hatte er das Geld seiner Gattin investiert - und versetzt. In Paris meldete sich über Ostern eine Frau bei der Polizei, die sich als Mätresse des mutmaßlichen Mörders ausgibt und erklärte, sie habe ihm 50 000 Euro geliehen, aber das Geld auch nie mehr gesehen. Nun wünscht sie Polizeischutz.

Xavier Dupont de Ligonnès wusste auch, dass sein Leben zunehmend in eine Sackgasse geriet; wie seine Gattin im Internet berichtete, erwiderte er jeweils auf die Frage, ob er glücklich sei: "Ja, aber wenn wir morgen alle sterben könnten - welche Erleichterung!"

Geldverluste und Fantasiegeschichten

Je mehr Geld der religiös erzogene Familienvater verlor, desto mehr verstieg er sich in wilde Fantasien; Nahestehenden erzählte er, er arbeite für den amerikanischen Geheimdienst oder er wolle nach Australien auswandern. Gemäß dem Pariser Psychiater Daniel Zagury zeugt das Verhalten des wahrscheinlichen Mörders von einem extremen Narzissmus. Selbst seine Nächsten würden seiner Meinung nach ausschließlichen ihm selbst dienen. Sie müssten zerstört werden, wenn er selbst zu "verschwinden" beschließe. Diese Extremnarzissten lebten, so der auf Serial Killer spezialisierte Psychiater, in einer ständigen Illusion und seien bisweilen suizidal veranlagt; nach Außen lebten sie aber oft ein ganz normales Leben.

Der Fall des Xavier Dupont de Lionnès erinnert an eine Affäre in Ostfrankreich, wo ein unbescholtener Bürger 1993 Frau, Kinder, Eltern und auch den Hund getötet hatte. Dieser Jean-Claude Romand erfand sich Traumberufe und ein Bankiereinkommen, nahm in Wahrheit aber nur seine Mätresse finanziell aus und war unfähig zu menschlichen Beziehungen. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD; Printausgabe, 27.4.2011)