Wien/Innsbruck - Die Republik Österreich lehnt Entschädigungszahlungen an Natascha Kampusch ab. Wie ihr Anwalt Gerald Ganzger am Dienstag bekanntgab, lehnte die Finanzprokuratur die Forderungen im Namen des Innenministeriums ab. Die 22-jährige Kampusch hatte heuer Anspruch auf Entschädigung erhoben, weil sie glaubt, dass Ermittlungspannen der Polizei ihre Befreiung nur wenige Tage nach ihrer Entführung durch Wolfgang Priklopil 1998 verhinderten.

Nicht um Ermittlungspannen, sondern um gezielte Verhinderung der Aufklärung geht es bei den Erhebungen wegen Amtsmissbrauch gegen fünf Staatsanwälte, die an dem Fall arbeiteten. Dabei geht es noch immer um ungeklärte Widersprüche, wie den gefälschten Abschiedsbrief Priklopils, die widersprüchlichen Aussagen eines seiner Freunde und die einzige Tatzeugin, die zwei Täter gesehen hatte. Beide wurden nie von der Justiz einvernommen. Die bis 2009 ermittelnde Kampusch-Kommission machte die damalige Justizministerin Claudia Bandion-Ortner 2009 in einem Brief darauf aufmerksam.

Erst als die Ungereimtheiten vom ehemaligen Kampusch-Kommissionsmitglied und Expräsidenten des Obersten Gerichtshofes, Johann Rzeszut, in einem Dossier zusammengefasst und im Herbst 2010 an alle Klubchefs im Parlament geschickt wurde, reagierte Bandion-Ortner auf Druck des Parlaments. Sie veranlasste Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Innsbruck gegen fünf Staatsanwälte wegen Amtsmissbrauch. Rzeszut hatte das 24-seitige Schreiben nach dem Selbstmord des Kampusch-Chefermittlers Franz Kröll verfasst und die Staatsanwälte schwer belastet.

Nun wurde auch ein Richter mit den Ermittlungen beauftragt. Rzeszut, der am 26. und 27. Mai als Zeuge in der Causa vernommen wird, zeigt sich im Standard-Gespräch vorsichtig optimistisch: "Wenn es zur Anklage kommen sollte, werden sie nicht darum herumkommen, auch den Fall selbst wieder aufzurollen."

Auch Kommissions-Leiter und Exverfassungsgerichtshofspräsident Ludwig Adamovich bestätigt dem Standard, dass er am 6. und 7. Juni in Innsbruck als Zeuge geladen ist. Auch Adamovich sagt, er wünsche sich vollständige Aufklärung. (Colette M. Schmidt/DER STANDARD, Printausgabe, 4. Mai 2011)