Wien - Am 11. Dezember wird man seinen 200. Geburtstag feiern; der Zufall nahm allerdings dieser Tage die Wiener Konzert-Programmierung in die Hand und organisierte mit Musikverein und Konzerthaus vorab ein kleines Hector-Berlioz-Festival. Und ohne, dass er Wert legte auf Vollständigkeit, hat er doch wesentlichen Ideen dieses Vorboten der Moderne, dessen Spuren man bis zu Gustav Mahler verfolgen kann, präsentiert.

Da durfte die Begegnung mit den musikalischen Grenzen des Wachstums, die Berlioz thematisierte, nicht fehlen. Wobei Dirigent Georges Prêtre mit den konzentrierten Wiener Symphonikern bei der riesenhaften Grande Messe des Morts, bei der man immer das Gefühl hat, es seien mehr Musiker im Saal als Zuhörer, den Gigantismus in kontrollierter Form vermittelte.

Abseits der wuchtigen raumklanglichen Effekte zeigte Prêtre auch, dass man dem sympathisch maßlosen Romantiker nur gerecht wird, so man dessen sanfte, innige Seite nicht unterschlägt. Im Vokalen (Wiener Singakademie, Slowakischer Philharmonischer Chor) wäre etwas mehr Präzision nicht unangenehm gewesen. Von diesem Eindruck sei der gediegen agierende Tenor Paul Groves ausgenommen.

In Summe konnte man da hören, dass Berlioz, lebte er heute, wohl für den Film komponieren, womöglich selbst Regie führen würde. Natürlich wird die Symphonie fantastique hierfür zum schlagenden Beweis - insbesondere der Sabbat-Schlussteil mit seinen wahnwitzigen Ausbrüchen und Richtungswechseln. Valery Gergiev, der Mann mit dem produktiv flatternden kleinen Finger, kostet das Klangtheater effektvoll aus - präzise und wuchtig die Wiener Philharmoniker.

Sie zelebrierten Berlioz im Konzerthaus wie beim Philharmonischen im Musikverein und ließen sich im Walzer zu ungetrübt diesseitigen linearen Tänzen animieren. Was den Beginn der Symphonie anbelangt, musste man der Sächsischen Staatskapelle Dresden den Vorzug geben, die im Musikverein den geheimnisvoll-fiebrigen Adagioteil mit mehr Glühen auszustatten vermochte.

Ansonsten durften beide Versionen gleichrangig nebeneinander strahlen. Wobei Dirigent Kent Nagano die Strukturen etwas schärfer zeichnete als Gergiev - auch durch abrupte dynamische Kontraste. Da gelang der Dresdner "Wunderharfe" auch wirklich alles, was man nach dem gründlich verhauten filigranen Finale des Lohengrin -Vorspiels für eine nicht ausgemachte Sache gehalten hatte. (DER STANDARD, Printausgabe vom 19.5.2003)