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Europol-Direktor Rob Wainwright will Europa sicherer machen. Laut OCTA-Bericht sei dafür stärker bei Online-Infrastrukturen anzusetzen.

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Die organisierte Kriminalität in Europa unterliegt in ihren Methoden, Strukturen und Auswirkungen auf die Gesellschaft einem starken Wandel; eine Schlüsselrolle in diesem Umbruch nimmt das Internet ein. Zu diesem Schluss kommt Rob Wainwright, der Direktor der EU-Polizeibehörde Europol, in seinem Vorwort zum jüngst veröffentlicht Bericht "European Organized Crime Threat Assessment 2011" (OCTA).

Der Report erscheint alle zwei Jahre, heuer wurde dem Internet erstmals ein eigenes Kapitel gewidmet. Während in den vergangenen Jahren Internet-Dienste vor allem als Infrastruktur für online-spezifische Verbrechen – etwa Kreditkartenbetrug, Identitätsdiebstahl oder der Weitergabe virtueller Güter wie Kinderpornografie – eingesetzt worden seien, etablierte sich das Netz nunmehr auch als primäres Instrument für die Abwicklung von "offline" begangenen Straftaten: Menschenhandel, Drogenproduktion oder der Verkauf von Waffen.

Menschenhandel vermehrt online organisiert

"Die Internetnutzung erfährt im Zusammenhang mit dem Menschenhandel eine rasante Ausbreitung, sowohl bei der Anwerbung von Opfern als auch bei der Bekanntmachung der illegalen Dienste", so der Bericht. Treffen zwischen Schleppern und Fluchtwilligen würden in erster Linie auf eigens dafür eingerichteten Websites arrangiert. Die vermeintliche Anonymität im Netz würde eine solche Masse an Menschen anlocken, dass gleichermaßen die Profite der Betreiber wachsen und die Aufklärungsarbeit der Polizei unüberschaubar würden.

Einen Spezialfall würde hier laut OCTA-Bericht die transnationale Zwangsprostitution darstellen. Das Internet soll nicht nur der Rekrutierung und Überführung von Sexarbeiterinnen dienen, sondern auch illegale Geschäfte via Online-Plattformen, etwa Live-Streams, begünstigen.

Das Internet als Marktplatz illegale Waren

Auch der organisierte Warenhandel mit imitierten oder verbotenen Produkten verschiebt sich laut Europol-Report von Straßengeschäften massiv ins Netz. Gefälschte Medikamente, Drogen, Unterhaltungselektronik oder Bekleidung würden nicht mehr nur aggressiv via Spam-Mails und -Seiten beworben, sondern mehr und mehr auch über diese Wege gehandelt. Früher übliche Großlieferungen aus Entwicklungs- und Schwellenländern hätten sich zugunsten dem direkten Einzelversand an Online-Käufer verlagert; gerade das macht es den Behörden um ein Vielfaches schwerer, die illegalen Geschäfte zu verfolgen. "Außerdem haben standortbezogene Dienste via GPS und Online-Karten zu einer neuen Art des Handelns geführt", erläutert Europol.

18 bis 26 Milliarden Euro jährlich – so hoch werden die weltweit generierten Umsätze durch den Handel mit bedrohten Tierarten geschätzt. Die EU ist der größte Markt, und während sich früher viele Hehler persönlich um den Transport der Tiere gekümmert haben, würden nun Tathelfer vor Ort vermehrt auch online angeheuert und instruiert. Ähnliches trifft auf den verbotenen Geschäftsverkehr mit Waffen zu, die in großer Fülle vor allem von den Balkankriegen übrig geblieben sind und nun ihren Weg nach Westeuropa finden.

Skype, Facebook, Online-Banking

"Als Kommunikationsinstrument, Informationsquelle, Rekrutierungsplattform, Markt- und Finanzplatz erleichtert das Internet alle Arten von offline organisierten Verbrechen", fasst der Bericht zusammen. Explizit werden darin E-Mail, Instant Messaging und VoIP-Dienste wie Skype genannt, aber auch soziale Netzwerke wie Facebook (für den Kundenkontakt) sowie Online-Banking und Glücksspielangebote (zum Zweck der Geldwäsche) würden der organisierten Kriminalität entgegenkommen.

Unter diesen Aspekten spricht Europol sogar von einer "digitalen Untergrundwirtschaft", die sich in den vergangenen Jahren entwickelt hätte. Und dieser Trend würde sich fortsetzen: Einigermaßen spekulativ geht die Behörde davon aus, dass aufgrund von Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit viele junge, gut ausgebildete und technisch begabte Menschen im organisierten Verbrechen bessere Perspektiven sähen als in der legalen Erwerbsarbeit. Oftmals würden sie direkt von Universitäten abgeworben; sie könnten durch ihr Wissen professioneller agieren und, etwa mit dem Einsatz illegaler Botnets, ihre Identitäten online immer besser verschleiern. (Michael Matzenberger, derStandard.at, 5.5.2011)