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Am 21. August 2005 sah der Finne Kimi Räikkönen als erster Sieger des Grand Prix der Türkei die Zielflagge. Am Sonntag könnte sie der letzte Sieger dieses Rennens sehen. Die Veranstalter denken gar nicht daran, der von Bernie Ecclestone gewünschten Verdoppelung des Antrittsgeldes für den Zirkus zuzustimmen.

Foto: REUTERS/Umit Bektas

Kurtköy ist, wohin der Linienbus 10 E schon eine Stunde lang durch das Häusermeer von Istanbul pflügt und wo die Sitze ungemütlich hart werden. Bei Kurtköy - auf Deutsch "Wolfsdorf" - auf der asiatischen Seite der Wimmelstadt liegt auch die Formel-1-Rennstrecke Istanbul Park. Das ist schon einmal ein Hinweis darauf, warum das alles nicht funktioniert. In einer Stadt, die fünf Fußballvereine in der Süperlig hat, gondelt man am Wochenende nicht ans andere Ende der Welt, um kleinen Männer zuzuschauen, die schnell im Kreis fahren.

Für 130.000 Menschen wäre auf den Tribünen der 2005 eröffneten Rennstrecke Platz. Zum sechsten Grand Prix der Türkei kamen vergangenes Jahr gerade einmal 35.000, Touristen aus dem Ausland inklusive. Sie alle bekamen im Istanbul Park durchaus etwas zu sehen - den legendären "Hornochsen-Crash" der in Führung liegenden Red-Bull-Piloten Sebastian Vettel und Mark Webber in Runde 40 etwa; Webber schaffte noch den dritten Platz, Vettel schmollte in der Box und McLaren feierte einen Doppelsieg - Lewis Hamilton von Jenson Button.

Für das heurige GP-Wochenende, das am Freitag mit dem freien Training beginnt, erwartet dennoch niemand sehr viel mehr Interesse. Die Formel 1 ist in der Türkei ungefähr so populär wie Kricket oder Synchronschwimmen.

Umgerechnet zwischen 15 und 300 Euro kostet ein Dreitagepass. Im Prinzip ist das weniger als eine Karte für ein Spiel im Inönü-Stadion, wo Besiktas herumstolpert und einem leicht den Samstagabend verleiden kann. Doch weil die Zuschauer fehlen und die leeren Sitzreihen in Kurtköy vor den TV-Kameras schamhaft mit grauen Plastikfolien verborgen werden, muss auch das türkische Finanzministerium Jahr für Jahr einspringen. Seit Bernie Ecclestone, der Formel-1-Chefvermarkter, aber den Türken im Vormonat schlicht eine Verdopplung des Antrittsgeldes von 13 auf 26 Millionen Dollar für 2012 angekündigt hat, steht der Grand Prix in Istanbul vor dem Aus.

Ein Brite im Basar

Für die Regierung, die Stadt Istanbul und deren Industrie- und Handelskammer - einen weiteren großen Sponsor - ist die Schmerzgrenze erreicht. Das Rennen am Wochenende könnte deshalb gut der letzte Formel-1-Lauf auf dem Istanbul Park Circuit sein. Auch recht, sagen vorerst die Organisatoren am Bosporus, die sich von einem Briten nicht so leicht über den Tisch ziehen lassen. 80 Millionen Euro hat der türkische Staat in den Bau der Rennstrecke gesteckt, 120 Millionen soll jährlich der Unterhalt kosten. Ecclestone macht die Türken heiß. "Wir sind ihm nicht verpflichtet", erklärte Yunus Akgül, oberster Sportfunktionär des Landes. "Wenn er uns das weiter aufzwingt, sagen wir: ,Freund, wir sind nicht mehr dabei.' Ist das hier ein Dritte-Welt-Land?" Kein europäisches Formel-1-Land würde so viel Geld zahlen müssen, heißt es, und Istanbul sei doch eine europäische Stadt.

Türkischer Fahrer fehlt

Die Formel 1 sollte den Tourismus in Istanbul zusätzlich ankurbeln und die moderne Seite der Stadt betonen. "Es hat keinen Profit gebracht", stellte Bürgermeister Kadir Topbaş nun fest, "die Türken haben kein großes Interesse gezeigt." Was im Grunde fehlt, ist ein türkischer Fahrer. Alles andere wäre da: eine "verdammt gute Strecke", wie Ecclestone sagt, und eine Autoindustrie im Land, die boomt und schnell ins Formel-1-Geschäft einsteigen würde, und schließlich der türkische Automobilist, der Sinn für minimale Abstände hat, Fußgänger verachtet und die Kunst des Zickzack-Überholens über fünf Spuren lässig beherrscht.

Der Istanbul Park des deutschen Architekten Hermann Tilke wird wegen seiner Laufrichtung gegen den Uhrzeigersinn gelobt, die - logisch - mehr Links- als Rechtskurven bringt, darunter "Turn 8", die mit 640 Metern längste und auch schnellste Kurve (im Schnitt 270 km/h) im Zirkus. Am Wochenende wird mit Ecclestone noch einmal übers Geld geredet. Einen Plan B hätten die Türken schon: Motorradrennen und "andere Aktivitäten". Dann vielleicht doch lieber die Formel 1. (Markus Bernath aus Istanbul, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 6. Mai 2011)