Wien - Es sind nicht mehr als vier Blutstropfen von der Ferse Neugeborener zwischen dem dritten und dem fünften Lebenstag, welche potenziell katastrophale Gefahren bannen können: Seit 45 Jahren läuft über die Kinderklinik der MedUni Wien (AKH) das staatlich finanzierte "Neugeborenen-Screeningprogramm" auf angeborene Stoffwechselerkrankungen. Am Freitag wurde bei einer Pressekonferenz an der Klinik erfolgreiche Bilanz gezogen.

"Wir untersuchen auf insgesamt 31 Erkrankungen. Einen Durchbruch gab es mit dem Jahr 2000, als mit der sogenannten Tandem-Massenspektronomie das Spektrum der Krankheiten, nach denen man sucht, deutlich erweitert werden konnte", sagte Kurt Herkner von der Universitäts-Kinderklinik.

Kleiner Stich in die Ferse

Das Programm gibt es österreichweit seit 1966. Seither, "mit praktisch hundertprozentiger Abdeckung", so Screening-Spezialist und Chemiker David Kasper, erfolgt bei allen jährlich rund 78.000 Neugeborenen zwischen dem dritten und dem fünften Lebenstag der kleine Stich. Die Blutstropfen kommen auf Löschpapier, trocknen ein und werden an die Fachleute nach Wien gesendet. Dort werden kleine Stanzproben aus dem Papier entnommen, das Blut enzymatisch gelöst und dann auf Verdachtsmomente für angeborene Stoffwechselkrankheiten untersucht.

Am Beginn stand der Test auf das Vorliegen der Phenylketonurie. Herkner: "Hier drohen schwerste Schäden in der Gehirnentwicklung." Frühzeitig erkannt, lässt sich das durch eine Diät verhindern. Die PKU tritt mit einer Häufigkeit von eins zu 10.000 in der schweren Form und eins zu 10.000 in einer leichteren Form auf. Die Tests umfassen aber auch Untersuchungen auf Zystische Fibrose (Häufigkeit: eins zu 3.200) oder angeborene Schilddrüsenunterfunktion (eins zu 3.700) bzw. unter anderem auch auf Fettsäure-Oxidationsstörungen.

Internationales Symposium

Eines von 800 Neugeborenen weist eine angeborene Stoffwechselerkrankung auf. Jährlich können in dem Screening-Programm 110 bis 130 solcher Babys identifiziert werden. In den vergangenen 45 Jahren war das bei 2.400 Kindern der Fall, denen man schließlich helfen konnte. Die Entdeckung von nur vier Kindern mit solchen Störungen und die Vermeidung weiter gehender Schädigungen finanziert laut den Experten volkswirtschaftlich schon die Kosten für das gesamte Programm.

Gesundheitsminister Alois Stöger erklärte bei der Pressekonferenz: "Die Gesundheit aller Kinder in Österreich ist mir wichtig. Darum habe ich auch den Kindergesundheitsdialog ins Leben gerufen." Der Rektor der MedUni Wien, Wolfgang Schütz, verwies darauf, dass das seit 45 Jahren laufende Screening-Programm im Endeffekt zunächst auf ein wissenschaftliches Projekt der Universität zurück ging. Auch weil auf diesem Gebiet die MedUni Wien international Beachtung findet, findet in den kommenden Tagen (13. bis 24. Mai) in der Bundeshauptstadt ein internationales Symposium zum Thema der Verhinderung vererbbarer Erkrankungen statt. (APA)