Bild nicht mehr verfügbar.

Brachte die Stasi-Affäre ins Rollen: Bulgariens Außenminister Nikolai Mladenov.

Foto: APA/EPA/Mohai

Das Ende ist unrühmlich und ohne jeden Hauch von Agenten-Glamour: 117 bulgarische Diplomaten sind als Spitzel der früheren Staatssicherheit enttarnt worden. Weil Bulgariens Präsident, der Sozialist Georgi Parvanov, sich weigert, deren Entlassung zu unterschreiben, hat das Außenamt sie nach Sofia beordert.

Ivo Petrov, Botschafter in Berlin, und Raiko Raitschev, Uno-Vertreter in New York, sind in der ersten Gruppe dieser Zwangsrückkehrer.

Doch keine weiße Weste

Besonders peinlich: Gleich in 13 EU-Hauptstädten sitzen oder saßen Botschafter, die als Agenten der "Darzhavna Sigurnost" , der Staatssicherheit DS des damals kommunistischen Bulgarien geführt sind. Sie werden nun im Lauf des Jahres aus dem Verkehr gezogen - dauerhafte "Dienstreise" nach Sofia oder Vorruhestand.

Lange hat Bulgarien sein Stasi-Problem ignoriert. "Die Führer der Staatssicherheit waren die Gewinner der Wende von 1989" , sagt der Historiker Momtschil Metodiev. "Sie wussten, wie der Staat funktioniert, und haben ihr Wissen in Machtpositionen im neuen Bulgarien umgewandelt."

Erst kurz vor dem EU-Beitritt 2007 stimmte das Parlament der Einrichtung einer staatlichen Kommission zur Sichtung der Stasi-Akten zu. Als der heute amtierende Außenminister Nikolai Mladenov wissen wollte, wer aller im diplomatischen Dienst eine Vergangenheit als Spion hat, "waren wir schockiert" , sagte die Sprecherin des Ministeriums, Vessela Tscherneva: 460 Mitarbeiter, die nach 1989 geblieben waren, überprüfte die Stasi, bei 192 Diplomaten wurde sie fündig, 75 weitere Namen kamen im März dazu. 117 sind noch heute im Dienst - darunter Botschafter, Generalkonsule und Abteilungsleiter im Ministerium.

Der Geheimdienst war nicht eben zimperlich: Dem Schriftsteller Georgi Markov wurde 1978 mit einem präparierten Regenschirm Gift injiziert, auch das Attentat auf Papst Johannes II. 1981 soll auf das Konto der DS gehen.

Ein Großteil der Diplomaten habe aber kaum mehr getan, als Zeitung zu lesen und Berichte zu schreiben, so Metodiev vom Institut für Zeitgeschichte in Sofia. "Sie wollten bloß schneller auf der Leiter hochkommen."

Ivo Petrov alias "Osenov" , der heute 63-jährige Botschafter in Berlin, war zweimal auch auf Posten in Wien. Ein "fleißiger, prinzipientreuer Kommunist" , wie es in seiner Akte heißt. Er schrieb Berichte über Nato-Treffen oder sicherheitspolitische Gespräche mit westlichen Vertretern. Nichts wirklich Brisantes. Dennoch haben weder Petrov noch seine Spitzelkollegen in den letzten 20 Jahren den Mut gehabt, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Staatschef Parvanov, auch er ein Ex-Stasi-Agent, tat es erst, als die Enthüllung unmittelbar bevorstand. "Er hat sich auch nicht dafür entschuldigt. Die allgemeine Haltung ist: Ich bin stolz auf das, was ich getan habe, und ich habe es für die Sicherheit Bulgariens getan", sagt Metodiev. "Sie unterscheiden nicht zwischen der Sicherheit eines totalitären Staates und der eines demokratischen." (Markus Bernath aus Sofia/DER STANDARD, Printausgabe, 7.5.2011)