Divjak: Mich haben die Kinder meines Nachbarn gezwungen, den höchsten begehbaren Holzturm Europas zu besuchen.

Edlinger: Wo bitte steht der?

D: Windschief am Gelände des Zentralbahnhofs in spe. Ein Touri-Renner. Zum Glück hat der auch richtige Steherqualitäten.

E: Hast du bei der Besteigung zu Reinhold Messner gebetet?

D: Als jemand, der sogar Angst vor der Höhenangst hat, bin ich mir nicht sicher, ob ich das nächstes Mal nicht wirklich einmal probieren sollte. Aber meine Jungsherpas, unterwegs mit GPS am Handy, kennen den Bergfex gar nicht mehr. Trotzdem haben wir dann oben ein Gipfellager mit Proviant und allem Drum und Dran aufgebaut.

E: Eine Freundin von mir ist durch den messnerischen Missionarismus zum extremen Extrembergsteigerfan geworden, obwohl sie sich sonst eher für die Niederungen der Innenpolitik interessiert. Ich glaube, der ist der beste Motivator, den Österreich je hatte, von Hans Krankl einmal abgesehen. Vielleicht sollte Messner der neue Fußballtrainer der Nationalelf werden.

D: Mir hat sich der Mann als bärtiger Botschafter des Hochprozentigen ins Gedächtnis gebrannt. Ich vermisse die bunten Aufsteller an den Autobahn-Raststationen: Messner-Pappfiguren; Stroh-Rum auf Augenhöhe. Das war fast ein Stück Heimat.

E: Wie hoch ist eigentlich der schiefe Holzturm von Wien? Und was hat eigentlich das Wort türmen mit Turm zu tun?

D: Frage 1: Hoch genug, damit einem beim Runterschauen schlecht wird. Frage 2: Wir Turmbesteiger haben uns im Lift übereinandergetürmt wie die Sardinen im Öl. Und das, obwohl man ordentlich Eintrittsgeld für die Turm-"Experience" zahlen muss.

E: Erinnerst du dich an die gescheiterte Experience Leseturm?

D: Das war doch das Leider- nein-Wahrzeichen des Muqua in Wien, oder? Ob heute auch noch halb Österreich die bloße Idee von moderner Architektur als mutwillige Verschandelung begreifen würde? Immerhin gibt's schon ein paar schicke Glas-Tower am Donaukanal.

E: Weißt du, was echt mit Verschandelung zu tun hat? Aufgetürmtes Plastik: Die Millionen von blauen Plastiksackerln, die in halb Afrika herumliegen und den Boden verseuchen ...

D: Wenn aber Kunst draufsteht, dann ist Plastik doch wieder chic. Im Muqua zeigen sie jetzt riesige Plastikskulpturen. Zufälligerweise ist das Ganze auch noch von einem Chemie- und Plastikmulti gesponsert.

E: Ein rechter Wahnsinn. 2011 noch so tun, als wäre Plastik Teil der Lösung und nicht Teil des Problems. Ehrlich: Wenn ich an Plastik denke, fällt mir kein cooles Pop-Art-Zeugs ein, sondern das Billasackerl, das wie das Amen im Gebet am Weg zum Müllraum zu tropfen beginnt. (DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.5.2011)