Erfolgreiche Politiker und Manager gelten meist als tatkräftig, entscheidungsfreudig und mit einem Schuss Egozentrik ausgestattet. Und auch die Kunst der Verführung gehört häufig zum Repertoire starker Führungspersönlichkeiten.

Diese Eigenschaften eines Alpha-Männchen sind allerdings im Umgang mit dem anderen Geschlecht eine akute Gefahrenquelle - vor allem in einer Zeit, in der Macho-Gehabe und aggressive sexuelle Avancen immer weniger toleriert werden. Bill Clinton, Arnold Schwarzenegger, Silvio Berlusconi, Dominique Strauss-Kahn oder der wegen Vergewaltigung verurteilte israelische Ex-Präsident Moshe Katzav sind allesamt Einzelfälle, aber auch Teil eines Musters. Es sind mächtige Männer, die sich gerne das nehmen, was sie wollen - und dabei auch Abhängigkeiten ausnützen. Aber sobald sie gewisse Grenzen überschreiten oder auch nur an die - aus ihrer Sicht - falsche Frau geraten, finden sie sich inmitten eines Skandals oder gar in Untersuchungshaft wieder.

Sexuelle Eskapaden und Übergriffe sind in den USA schon lange ein Karrierekiller - und zunehmend auch in Europa. Wenn Männer so handeln, gefährden sie nicht nur die Frauen in ihrer Umgebung, sondern auch sich selbst, ihre Familien und die Institutionen, für die sie arbeiten - selbst wenn sie kein Gesetz gebrochen haben. US-Konzerne wie Boeing und Hewlett-Packard haben wegen Sexaffären erfolgreiche Chefs verloren, und für den IWF ist Strauss-Kahns Verhaftung ein Albtraum. Selbst Wikileaks hat durch das mutmaßliche Fehlverhalten ihres Gründers Julian Assange einen schweren Rückschlag erlitten.

Dahinter steht ein grundlegender Wertewandel, der vor 30 Jahren eingesetzt und sich seither noch beschleunigt hat. Wäre John F. Kennedy heute in der Politik, dann wäre er nicht nur über Sexaffären gestolpert, sondern möglicherweise auch von einer seiner Sexpartnerinnen der Vergewaltigung bezichtigt worden. Selbst Unternehmen erkennen sexuelle Beziehungen zwischen Chefs und ihren Untergebenen zunehmend als Problem.

Früher mussten sich Männer nicht entscheiden, ob sie Frauenheld oder Erfolgsmensch sein wollten. Wer sich jedoch heute in beiden Bereichen von seinem Testosteron treiben lässt, droht abzustürzen. Gerade Männer über 60, die noch in der alten Zeit aufgewachsen sind, tun sich mit diesem Wandel schwer. Aber selbst eine Gesprächskultur mit anzüglichen Witzen und zotigen Bemerkungen, die auch jüngere Jahrgänge pflegen, führt schnell in die Bredouille. Das musste ÖVP-Mandatar Wolfgang Großruck gerade mit seinem dumpfen Strauss-Kahn-Reim erleben.

Bei der Suche nach Führungskräften in der Wirtschaft und der Politik wird daher wohl verstärkt auf Charakter und Privatleben geschaut werden. Ging es früher darum, ob ein Mann eine nach außen solide Ehe führt, werden heute Scheidungen genauso akzeptiert wie Singledasein und Homosexualität. Aber die Frage, wie ein Mensch mit seinen Partnern umgeht, wird zunehmend zum Kriterium für jede Spitzenjobbesetzung werden.

Das öffnet die Tür für mehr Frauen, die in dieser Hinsicht weniger Risiko darstellen. Und es schafft mehr Chancen für Männer, die nicht immer nur vorpreschen, sondern auch abwägen. Wenn man den Schaden bedenkt, den etwa die hormongetränkte Risikokultur in vielen Banken vor der Finanzkrise angerichtet hat, wäre das keine so schlechte Entwicklung. (Eric Frey, STANDARD-Printausgabe, 19.5.2011)