Wien - Die Hypothese klang spektakulär: Der Einschlag oder zumindest die erdnahe Explosion eines Kometen soll, so die Annahme einer US-Forschergruppe vor vier Jahren, für einen drastischen Temperaturrückgang vor 12.900 Jahren verantwortlich gewesen sein. Da diese Kaltzeit mit enormen Veränderungen in der Fauna und auch der menschlichen Besiedelung Nordamerikas zusammenfiel, wäre ein solches Ereignis fast eine Mini-Neuauflage des Massenaussterbens am Ende der Kreidezeit gewesen. Doch hat sich die Hypothese nun als falsch herausgestellt.

Kälteperiode

Was belegt ist: Vor etwa 12.900 Jahren - die letzte Eiszeit war gerade vorbei - kam es auf der Nordhalbkugel inmitten der allmählichen Erwärmung innerhalb kurzer Zeit nochmals zu einem drastischen Temperaturrückgang, die Gletscher stießen erneut in Richtung Süden vor. Man nennt diese Zeit "Jüngere Dryas", eine von drei Kälteperioden, die nach der Silberwurz (Dryas octopetala) benannt wurden: Einer Pflanze, die in der sich ausbreitenden Tundra gedieh.

Die Abkühlung fällt zeitlich mit dem Verschwinden des Großteils der nordamerikanischen Megafauna zusammen: Mammuts, Kamele, Riesenfaultiere, Säbelzahntiger und viele andere Spezies verschwanden - bis heute wird diskutiert, ob dies an klimatischen Veränderungen oder an der Ausbreitung des Menschen in Nordamerika lag. Auch die neuen zweibeinigen Bewohner des Kontinents erlebten aber einen drastischen Einschnitt. Die auf die Jagd spezialisierte und zunächst offenbar sehr erfolgreiche Clovis-Kultur verschwand wieder - auch hier könnte der plötzliche Rückfall in eine Kaltzeit eine entscheidende Rolle gespielt haben.

Die Hypothese

2007 legte eine US-Forschergruppe um Richard Firestone verschiedene Indizien vor, die belegen sollten, dass der Einschlag oder die Explosion eines Kometen in Erdnähe für die rasche Abkühlung verantwortlich gewesen sein soll. Dazu zählte nicht nur die für Impact-Ereignisse typische hohe Iridium-Konzentration in den betreffenden Schichten. Die Forscher glaubten auch, dass sie Kohlenstoffkügelchen und sogenannte Nanodiamanten in Sedimentproben gefunden hatten, die durch die Schockwelle der Explosion und nachfolgende Brände entstanden sein sollen.

Doch die angeblichen Beweise wurden der Reihe nach widerlegt. Sieben Wissenschafter, darunter der Wiener Impact-Forscher Christian Köberl, haben die Hypothese nun endgültig zu Grabe getragen und halten in der Fachzeitschrift "Earth-Secience Reviews" ein "Requiem" darauf. In dem nun veröffentlichten Artikel werden die einzelnen Indizien und die von der Forschergruppe postulierten Impact-Marker nochmals analysiert - mit einem klaren Ergebnis, wie der Titel der Arbeit schon signalisiert: "The Younger Dryas impact hypothesis: A requiem".

Die Wirklichkeit dürfte weniger spektakulär gewesen sein

"Diese Leute hatten eine Idee und hatten Messungen, die sich allerdings nicht bewahrheitet haben. Jedes Mal, wenn andere Wissenschafter versucht haben, die Messungen zu wiederholen, wurde nichts gefunden", erklärt Köberl, Kosmochemiker und Generaldirektor des Naturhistorischen Museums (NHM). Dies gelte nicht nur für unabhängig von dem Forscherteam gezogene Proben. Auch in jenen Proben, die von den Wissenschaftern selbst zur Verfügung gestellt wurden, sei nie etwas gefunden worden. So hat Köberl etwa Material auf Iridium untersucht, das einer der beteiligten Forscher (Douglas Kennett) zur Verfügung gestellt hatte, und darin nichts Ungewöhnliches gefunden. Die angeblichen Nanodiamanten fand man auch in anderen Schichten, sie entpuppten sich als Zellreste von Pilzen oder Ausscheidungen von Insekten.

Bleibt die Frage, welche Ursache tatsächlich zu der massiven Abkühlung geführt hat. Heißer Kandidat dafür sind Änderungen in den Meeresströmungen. Sie könnten durch die enorme Zufuhr von Süßwasser aus den abschmelzenden Gletschern ausgelöst worden sein. Laut Köberl gibt es auch von archäologischer Seite neue Anhaltspunkte, dass das Verschwinden der Clovis-Kultur gar nicht durch eine singuläre Katastrophe ausgelöst wurde und man bisher viel zu simpel interpretiert hat. So gebe es, je nachdem wo man suche, unterschiedliche Zeitpunkte für das Verschwinden dieser prähistorischen Kultur. "Wenn man genauer datiert, zeigt sich, dass das gar kein plötzlicher Prozess war", so Köberl. (APA/red)