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Demonstranten vor dem AKW Unterweser zeigen mit Ballons die Richtung einer allfälligen radioaktiven Wolke.

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Andechs/Berlin - In der Debatte um den Atomausstieg zeichnet sich das Aus für das letzte deutsche AKW innerhalb von rund zehn Jahren ab.

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel äußerte Sympathie für den von der CSU beschlossenen Ausstieg bis 2022. Sie machte bei der Vorstandsklausur der Schwesterpartei im oberbayerischen Kloster Andechs deutlich, dass auch die CDU ein fixes Datum anstrebe: "Die Menschen wollen einen konkreten Endpunkt wissen, und deshalb werden wir auch insgesamt über einen solchen konkreten Endpunkt sprechen."

Erstmals sind seit diesem Wochenende infolge des AKW-Moratoriums sowie wegen Wartungsarbeiten insgesamt 13 von 17 Meilern vom Netz. Die Bundesnetzagentur nannte die Stromversorgung dennoch gesichert.

Die Zeitspanne von einem Jahrzehnt hatte bereits CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe als realistisch genannt. Das Bundeskabinett will sich am 6. Juni festlegen. Zuvor wird noch der Abschlussbericht der von Merkel eingesetzten Ethikkommission zur Atomfrage erwartet. Die Unionsmittelstandsvereinigung attackierte das Vorgehen Merkels als überstürzt. Energie würde jetzt in Deutschland nicht nur teurer, sondern auch weniger umweltfreundlich, sagte der Vorsitzende Josef Schlarmann dem Magazin Focus. Die Atomkraft werde durch Braunkohle, Gas aus Russland und Atomstrom aus Nachbarländern ersetzt.

Die Grünen warfen Merkel ein durchsichtiges Spiel vor: Ein Ausstieg 2022, möglichst zusammen mit einer Überprüfungsklausel, sei nur der Versuch, sich ein Hintertürchen offen zu halten, sagte Fraktionschef Jürgen Trittin. Mit entsprechendem Ausbau des Ökostroms sei der Ausstieg schon 2017 möglich. Dass derzeit nur vier AKWs liefen, zeige, dass Warnungen vor einer Stromlücke Panikmache der Atombefürworter seien.

SPD-Chef Sigmar Gabriel hat wiederum die Suche nach einem atomaren Endlager auch in Bayern zur Bedingung für einen Konsens gemacht. Für die Lagerung von Atommüll sei der "beste Standort" nötig. Solange sich der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer "dagegen sperrt", könne die auch von der CSU angestrebte Atomwende nicht ernst genommen werden, sagte Gabriel.

Der CSU-Vorstand hatte am Freitagabend nach langer Debatte das Energiekonzept von Seehofer und CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt beschlossen. Es sieht das Jahr 2022 für den spätesten Atomausstieg sowie einen deutlichen und schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien vor. Für die Energiewende ist die Zustimmung der Länder nötig.

Die Stromnetzbetreiber in Deutschland schlagen Alarm und warnen die Bundesregierung vor einem Blackout im Winter. Um eine Stromlücke in Süddeutschland zu vermeiden, ziehen sie auch die Abschaltung von Strom bei Großkunden in Betracht. Wenn nur die im Zuge des Atommoratoriums stillgelegten Altmeiler weiter vom Netz blieben, fehlten an kalten Wintertagen in Süddeutschland etwa 2000 Megawatt Leistung, warnten die Netzfirmen in einer gemeinsamen Erklärung. "Eine eigenständige Versorgung der Kunden ist dann ernsthaft gefährdet."

"Kunden droht Abschaltung

Ein Import aus Nachbarländern könne keinen verlässlichen Ausgleich mehr schaffen, wenn die Leistung im Umfang zweier AKW-Blöcke nicht zusätzlich ins Netz komme, meinen die vier Netzfirmen Amprion, Tennet, 50hertz und EnBW-Netze.

Alternativ käme als letzte Möglichkeit nur eine "Abschaltung von Kunden" in Betracht. Ihre Warnung haben die Firmen in der vergangenen Woche dem Bundeswirtschaftsministerium bei einem Krisentreffen erläutert. Die Analyse basiert auf der Abschaltung von 8000 Megawatt Leistung, also etwa der Leistung der im Moratorium stillgelegten sieben Altmeiler. Die Netzbetreiber gehen mithin davon aus, dass selbst beim Betrieb von neun Reaktoren Stromausfälle drohen. "Die damit verbundenen Risiken für die Systemsicherheit sind aus aktueller Sicht der Übertragungsnetzbetreiber nicht vertretbar."

Im Winter steigt der Stromverbrauch drastisch an. In Süddeutschland ist er zudem wegen der zahlreichen Industriebetriebe besonders hoch. Umgekehrt ist die Windenergie dort kaum ausgebaut. (red, Reuters, DER STANDARD, Printausgabe, 23.5.2011)