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Proteste in Sanaa.

Foto: REUTERS/Ammar Awad

Sanaa  - Regierungstruppen und oppositionelle Stammeskämpfer haben sich im Zentrum der jemenitischen Hauptstadt Sanaa erbitterte Gefechte geliefert. Die Armee feuerte nach Angaben von Augenzeugen am Mittwoch eine Rakete ab, die fünf Zivilisten tötete. Die Kämpfer von Scheich Sadik al-Ahmar besetzten unterdessen das Gebäude der staatlichen Nachrichtenagentur Saba und der staatlichen Fluggesellschaft Yemenia sowie das Tourismusministerium.

Nach Angaben eines Regierungsvertreters versuchten sie auch, das Innenministerium zu stürmen. Ein Saba-Mitarbeiter sagte, die Journalisten hätten ihre Arbeit kurz nach der Besetzung durch die Bewaffneten in einem staatlichen Gebäude fortgesetzt.

Zunächst war unklar, wie viele Tote es insgesamt gab. Am Vortag waren nach Angaben des Innenministeriums 15 Soldaten, nach Angaben des Internet-Portals "yemenpost.net" bis zu 40 Stammeskämpfer getötet worden.

Saleh will nicht gehen

Saleh-Truppen versuchen seit Montag, die Residenz Ahmars im Innenstadt-Viertel Hasaba zu stürmen. Der Präsident erklärte am Mittwoch, er habe nicht die Absicht, den Jemen zu verlassen, selbst nach einem Rücktritt. Er gelobte, "gegen jeden zu kämpfen, der die Sicherheit und Stabilität gefährdet".

Saleh sieht seinen Staat trotz der eskalierenden Gewalt nicht im Chaos versinken. "Der Jemen, so hoffe ich, wird nicht zu einem gescheiterten Staat oder ein neues Somalia werden", sagte er am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters. Der 69-Jährige gab seinen Gegnern die Verantwortung für die jüngsten Unruhen in dem arabischen Land. Die Vorfälle seien "eine Provokation mit dem Ziel, uns in einen Bürgerkrieg zu stürzen", hatte er zuvor vor anderen Journalisten erklärt.

Salehs Regierung warnte am Mittwoch vor einer Eskalation der Gewalt, sollten die Anhänger von Stammesführer Ahmar nicht mehrere von ihnen besetzte Regierungsgebäude in Sanaa räumen. Würden die Stammeskrieger die Regierungsgebäude nicht am Mittwoch verlassen, würden sie dazu gezwungen, warnte ein hochrangiger Regierungsvertreter. Nachdem es in der Nacht zunächst ruhig gewesen war, flammten die Kämpfe am Mittwochvormittag erneut auf. Gegen Mittag waren in Sanaa erneut Schusswechsel zu hören.

Raketenbeschuss

Zentrum der seit Montag andauernden Gefechte ist das Viertel Hasaba im Norden der Hauptstadt, wo sich das Anwesen von Scheich Ahmar befindet. Nach Angaben der Anhänger des Scheichs wurde das Haus am Dienstagabend von einer Rakete getroffen. Es habe mehrere Tote und Verletzte gegeben.

Scheich Ahmar ist der Chef der Konföderation der Hashed, dem größten Stamm des Landes, dem auch Präsident Saleh angehört. Scheich Ahmars Vater war der wichtigste Verbündete von Saleh, doch im März wandte sich Scheich Ahmar vom Präsidenten ab und schlug sich auf die Seite der Protestbewegung. Auslöser der jetzigen Gefechte war offenbar die Weigerung des Präsidenten, ein Abkommen des Golfkooperationsrats zu unterzeichnen, das die Bildung einer Übergangsregierung sowie seinen Rücktritt innerhalb eines Monats vorsieht.

Der Golfkooperationsrat äußerte am Mittwoch seine Sorge vor einer Ausbreitung der Kämpfe und rief beide Seiten zur Zurückhaltung auf. Im Jemen fordert die Opposition seit Jänner den Rücktritt des seit bald 33 Jahren regierenden Präsidenten. Bei den Protesten kam es immer wieder zu Zusammenstößen mit den Sicherheitskräften. Im Jemen gibt es Schätzungen zufolge 60 Millionen Waffen im Privatbesitz - rund drei pro Einwohner. Angaben aus Stammeskreisen zufolge kann Scheich Ahmar rund 10.000 Kämpfer mobilisieren.

In Sanaa ging die Zahl der Demonstranten auf dem Platz vor der Universität, den die Protestbewegung seit Monaten besetzt hält, deutlich zurück. Einige der Demonstranten sagten, sie wollten sich Scheich Ahmar im Norden der Stadt anschließen. Zahlreiche Einwohner versuchten die Stadt in Richtung Süden zu verlassen.

Nach Einschätzung jemenitischer Beobachter stehen große Teile von Armee und Polizei zu Saleh. Sein Rückhalt bei den Stammesführern und in der Bevölkerung wird jedoch inzwischen als gering eingeschätzt. (APA/Reuters)