Die Entlassung des Direktors des Holocaust-Zentrums in Budapest hat den Streit um Ungarns Beteiligung an den NS-Verbrechen neu entfacht. - Anmerkungen zur Replik von Botschafter Szalay-Bobrovnicky auf Paul Lendvai (Standard, 27. 5.).

Den Beweis für den Versuch der derzeitigen ungarischen Regierung, die schrecklichen Verbrechen gegen ihre jüdischen Bürger während der Shoah zu verharmlosen, liefert der amtierende ungarische Botschafter in Österreich, Vince Szalay-Bobrovniczky, höchstpersönlich: Mit einem unerträglichen Maß an Zynismus setzt er sich über historische Fakten hinweg, indem er behauptet, dass die Verfolgung und das Leid der Juden erst durch die deutsche Besetzung, also am 19. März 1944, begonnen habe.

Bereits vor Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte die ungarische Regierung unter Reichsverweser Admiral Miklós Horthy antisemitische Gesetze erlassen. 1938 und 1939 wurde mit zwei sog. "Restriktionsgesetzen" die Ausgrenzung der Juden betrieben: Ihr Anteil in der Wirtschaft und in den freien Berufen wurde erst auf 20 und schließlich auf sechs Prozent beschränkt; seit 1939/1940 wurden Juden gezwungen, als Hilfskräfte des Arbeitsdienstes Zwangsarbeit zu leisten. Diese Maßnahmen erfolgten in ungarischer Eigenregie, war doch die "Hungaristen" -Partei der Pfeilkreuzler bereits 1939 die zweitstärkste Kraft im Parlament. Auf deren Konto geht auch die willkürliche Erschießung hunderter Juden am Budapester Donauufer – darunter mein Onkel Dezsö.

Im Gegensatz zur Behauptung des Botschafters wurden rund 18.000 Juden (polnische und ukrainische Flüchtlinge sowie viele Ungarn mit ungeklärter Staatsbürgerschaft) bereits im Juli/August 1941, also lange vor der deutschen Besetzung, auf alleinige Initiative der ungarischen Behörden nach Kamenyec-Podolsk in die besetzte Sowjet-Ukraine deportiert, wo sie dann von SS-Einheiten und ukrainischen Helfern ermordet wurden.

Die jüngste offizielle Attacke auf die Holocaust-Gedenk- und Forschungsstätte in der Páva utca kam vom zuständigen Staatssekretär für Justiz und Öffentliche Verwaltung, András Levente Gál. In einem Interview mit dem Regierungs-Internetportal kormany.hu erklärte er, dass er sich für eine "Neubewertung" der Narrative der Dauerausstellung Von der Rechtlosigkeit bis zum Völkermord einsetzen möchte. Dabei geht es ihm vor allem um die Rolle von Reichsverweser Admiral Horthy, der auch als Nationalheld dargestellt werden soll, da er im Juli 1944 die Transporte stoppen ließ und so einen Teil der jüdischen Bevölkerung von Budapest rettete. Die Fakten: Zwischen April und Juli 1944 waren schon mehr als 400.000 Juden deportiert worden. Als Horthy bei Hitler ein Ausscheren der Magyaren aus dem Kriegsbündnis verhandeln wollte und scheiterte, widersetzte er sich dem deutschen Befehl – vor allem aufgrund des internationalen Drucks, u. a. aus Schweden, den USA und dem Vatikan.

Auch der ungarischstämmige US-Historiker István Deák widerspricht der Mär von der ungarischen Opfertheorie vehement: "Adolf Eichmann hatte eine sogenannte ,Expertengruppe‘ von weniger als hundert Leuten zur Verfügung, die die Deportation von einer halben Million Juden bewältigen sollte? Nein, um das zu schaffen, mussten fast jeder Bezirkshauptmann, Bürgermeister, Beamte, Polizist, Eisenbahner, Lehrer und auch viele Landärzte und Hebammen aktiv mitwirken, die Leute und ihre Wertgegenstände ausfindig machen."

Ähnlich argumentiert der deutsche Historiker Götz Aly und entlässt den "einfachen Ungarn" nicht aus der Verantwortung um seine jüdischen Nachbarn: "Im deutsch besetzten Ungarn deportierte die ungarische Gendarmerie zwischen dem 14. Mai und dem 9. Juli 1944 mehr als 435.000 Juden an die slowakische Grenze. Erst dort wurden die Transporte von deutschen Polizeikräften übernommen." (Götz Aly in seinem Buch Endlösung)

"Die Ungarn waren immer nur Opfer – zuerst jene der Nazis und dann der Kommunisten" , entrüstet sich auch der Historiker László Karsai von der Uni Szeged.

Beschämend ist es auch, wie der Botschafter seiner heutigen Regierung Folgendes gutschreibt: Dass die jüdische Gemeinde von Budapest "glücklicherweise" (sic!) eine der größten heute in Europa sei, weil die Großzahl überlebt habe. Meine Eltern überlebten – im Unterschied zu meinen Großeltern und anderen Verwandten – nur Dank des rechtzeitigen Einmarsches der Roten Armee. (Kommentar der Anderen, DER STANDARD, Printausgabe, 30.5.2011)