Wiener Neustadt - Im Wiener Neustädter Libro-Prozess haben am Dienstag, dem 30. Verhandlungstag, zwei weitere Zeugen ausgesagt. Anschließend nahm Ex-Libro-Chef Andre Rettberg, der sich neben vier weiteren Angeklagten seit Jänner wegen Untreue, Betrugs und Bilanzfälschung rund um die ein Jahrzehnt zurückliegende Pleite des Papier- und Buchhandelsunternehmens vor einem Schöffensenat verantworten muss, zum bisherigen Verfahren Stellung.

Karl Sevelda, derzeit RBI-Vizegeneral, war von 1998 bis 2007 im Aufsichtsrat der UIAG. Dass es bei Libro Schwierigkeiten gab, sei ungefähr Ende 2000 erkennbar gewesen. Ein Druck, das Unternehmen an die Börse zu geben, sei nicht vorhanden gewesen, verwies er auf erfolgreiche abgeschlossene Projekte wie etwa Palfinger oder Niedermeyer. Die Libro-Insolvenz sei gemessen an der Zahl der erfolgreichen UIAG-Beteiligungen ein Einzelfall gewesen.

Zum Telekom-Deal meinte Sevelda, zu Beginn des Internet-Booms habe die TA einen Partner gesucht und Libro schien passend. Dass der Deal scheiterte, lag für Sevelda - genau konnte er sich nicht erinnern - daran, dass die TA ihre Strategie änderte und ihr eine Beteiligung nicht genügte.

Konjunkturdelle 2001

Libro sei damals sehr gut aufgestellt gewesen, er habe an das Wachstumskonzept geglaubt. An Gründen für den Niedergang nannte der Zeuge, dass sich das Deutschland-Engagement nicht erwartungsgemäß entwickelte und die Zwei-Marken-Strategie: Mit Amadeus habe es zwei Mega-Stores gegeben, die nie wirklich ins Verdienen kamen. Dann kam eine Konjunkturdelle 2001 und auch die Internetblase platzte.

Laut dem gerichtlichen Gutachter Martin Geyer lag die Untergrenze der Libro-Aktie bei 13,59 Euro - unter Ausschluss sämtlicher Zukunftsaussichten in Deutschland. Den Wert inklusive Planung, der in einer Bewertung durchaus vertretbar wäre, bezifferte er mit 25 bis 26 Euro.

Ein von 1997 bis 2000 bei Libro in der EDV tätiger Zeuge berichtete von aufgetretenen Unregelmäßigkeiten im Warenwirtschaftssystem durch nachträgliche Korrekturen der Datenstände. Die "Daten-Inkonsistenzen" seien eine Gefahr gewesen, Warnungen der IT aber in den Wind geschlagen worden. So habe Ex-Finanzvorstand Johann Knöbl mit einem Schulterzucken reagiert - er könne quasi nichts machen. Die Frage des Angeklagten, wann genau und was der Zeuge ihm damals mitgeteilt hatte, konnte dieser aber nicht beantworten. Jedenfalls sei es bei den festgestellten Veränderungen hauptsächlich um die Menge gegangen - und da in geringem Ausmaß, wie etwa 102 statt 100 Stück einer Ware. Der Ex-Mitarbeiter glaubte, dass Knöbl "nicht den Spielraum hatte, den er haben sollte. Wenn ein Unternehmen von einem Investorenkonsortium geleitet wird, haben die Vorstände nur eingeschränkte Handlungsfähigkeit."

Ob böse Absicht hinter den "Manipulationen", wie es Richterin Birgit Borns formulierte, steckte, wollte der Zeuge nicht beurteilen. Den Niedergang des Unternehmens führte er auf "strategische Fehler" zurück: Man sei mit österreichischer Schlampigkeit schlecht vorbereitet in den deutschen Markt gegangen und wollte in der Euphorie der jungen Technologien wachsen, "koste es was es wolle".

Rettberg hält seine Planung für plausibel

Für Rettberg "war und ist" seine von der KPMG bewertete Planung für die Expansion in Deutschland "plausibel". Das erklärte er in einer Stellungnahme, in der er auf Punkte aus dem Gutachten einging.

Laut dem Sachverständigen ist die angesetzte lineare Steigerung des Quadratmeterumsatzes nicht nachvollziehbar - er, Rettberg, halte Quadratmeterumsätze von 60.000 Schilling für vertretbar. Die Erfahrung dafür habe man aus den großen Filialen mit 65.000 Schilling-Umsätzen pro Quadratmeter in Österreich gehabt. Das heißt, seine diesbezügliche Bewertung sei vorsichtig gewesen. Dass das laut Gutachten aber in einem Missverhältnis zur Vergangenheit stand, wollte Rettberg nicht gelten lassen: Die drei vorhandenen Testfilialen in Deutschland seien, weil nicht repräsentativ, für den Fünfjahresplan und die erwartbare Entwicklung mit Musterfilialen nicht relevant gewesen.

Zur Untermauerung seiner Erfahrung mit Filialen unterschiedlicher Größe erläuterte Rettberg zum Wachsen der Handelskette, dass es in der ersten Expansionsphase 1986 Bipa-Libro-Kombi-Filialen gab, was zwar den Vorteil vieler Filialen hatte, aber - neben beschränktem Platzangebot den Nachteil, dass Zielpublikum wie männliche Jugend nicht in die Geschäfte kam. Diese Filialen hätten auch weniger Umsatz gehabt als eingeführte Libro-Filialen und wurden später getrennt.

Billa habe einst mit 200 Quadratmetern Fläche angefangen, seit 1992 gab es - durch die Übernahme der Litega-Standorte - große Filialen. Die Tendenz - auch anderer Ketten - sei zu großen Flächen gegangen, die Kunden strebten weg von Warenhäusern hin zu Spezialisten, zu Marken. Ein qualitätvoller Auftritt hänge - in Deutschland noch mehr als in Österreich - mit Größe zusammen, erinnerte er an die vollgestopften, unordentlichen kleinen alten Libro-Filialen. Für diese habe es das Konzept gegeben, sie in "Best of Libro" umzuwandeln - dazu sei es leider nicht mehr gekommen. Außerdem brauchte die Sortiment-Erweiterung - Musik, neue Medien, Telekommunikation - mehr Platz.

Rettberg zeigte sich überzeugt, dass Libro mit großen Flächen in Deutschland Erfolg hätte haben können. Es habe keinen Grund gegeben, warum es nicht hätte funktionieren sollen: "Hätten wir es zwei Jahre führen können, wäre es vielleicht ins Laufen gekommen."

Ex-Finanzvorstand Johann Knöbl habe 1998 aufgrund einer Shortlist für Standorte in Deutschland ein Planungsziel zusammengestellt, das er, Rettberg, stichprobenartig "checkte". Es sei ihm vernünftig und umsetzbar erschienen. 280 Schilling inklusive Miet- und Betriebskosten pro Quadratmeter seien vertretbar gewesen - im Gutachten ist die Rede von 350 bis 400 Schilling.

Der Vollstart der Expansion war laut Rettberg nach dem Börsengang geplant. Nachdem sich dieser verschoben hatte, schien es vertretbar, in Deutschland später zu beginnen, weil geringere Expansionskosten auch einen höheren Ertrag für das Unternehmen bedeuteten. Außerdem sei der - wichtige - Standort Berlin zu diesem Zeitpunkt noch nicht verfügbar gewesen.

Kommende Woche sind in dem Verfahren drei weitere Verhandlungstage angesetzt. Dabei wird der Gutachter zu Wort kommen.

Keine Fußfessel

Rettbergs Antrag, seine achtmonatige Haftstrafe statt im Gefängnis mit einer Fußfessel in Hausarrest abzubüßen, ist laut einem Bericht der "Kronen Zeitung" (Mittwochausgabe) abgelehnt worden. Seine Verteidigerin Elisabeth Rech wolle nun gegen die Entscheidung berufen. (APA)