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Teile des Verhandlungsauftakts fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, etwa als Mladic' eine Erklärung über seinen Gesundheitszustand abgab.

Foto: REUTERS/Martin Meissner/Pool

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Ratko Mladic musste am Freitag erstmals vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag auftreten. Als "schwerkranker Mann" sei er noch nicht dazugekommen, die Anklageschrift zu studieren. Nächster Termin: 4. Juli.

Als er den Gerichtssaal betrat, ging ein Raunen durch die vollen Zuschauertribünen. Wie ein alter Mann am Ende seiner Kräfte nahm Ratko Mladic auf der Anklagebank Platz, unterstützt von zwei Uno-Mitarbeitern.

Doch im Laufe der fast zweistündigen Sitzung gewann der Angeklagte an Selbstsicherheit und gab sich kämpferischer: "Ich bin General Ratko Mladic – und die ganze Welt kennt mich!"

Mladic sollte sich vor den Richtern erstmals zu den Anklagepunkten äußern. Doch so weit kam es nicht, denn der Angeklagte hat die 37 Seiten starke Anklageschrift nicht gelesen: "Ich bin ein schwerkranker Mann, dazu bin ich noch nicht gekommen."

In der Anklage wirft ihm der belgische Chefankläger Serge Brammertz Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in insgesamt elf Punkten vor. Zu den wichtigsten gehören die Belagerung von Sarajewo von Mai 1992 bis November 1995 sowie das Massaker von Srebrenica im Juli 1995.

Doch von all dem wollte der Angeklagte nichts wissen: "Das sind monströse Worte, von denen ich noch nie gehört habe", sagte er, nachdem der vorsitzende Richter Alfons Orie eine Zusammenfassung der Anklage laut vorgelesen hatte. Mladic hätte das gern verhindert, denn als Orie ihn fragte, ob er Wert auf das Vorlesen der kompletten Anklageschrift lege, konterte er: "Keine einzige Zeile, noch nicht einmal einen Buchstaben davon will ich hören!"

Wann der Prozess beginnt, ist offen. Mladic hat 30 Tage Zeit, die Anklageschrift zu lesen. Tut er das nicht bis zum 4. Juli, gehen die Richter automatisch von "nicht schuldig" aus. Abzuwarten bleibt, ob Mladic wie Radovan Karadzic oder auch Slobodan Milosevic versuchen wird, dem Tribunal die Arbeit zu erschweren.

"Vaterland verteidigen"

Der vorsitzende Richter musste Mladic mehrmals unterbrechen und korrigieren, etwa als dieser behauptete, in Den Haag nicht zu sein, um sich selbst, sondern sein Vaterland zu verteidigen. Orie erinnerte ihn daran, dass er wegen individueller Taten angeklagt sei. Prozessbeobachter gehen nicht davon aus, dass Mladic sich so wie Karadzic selbst verteidigen will: "Wer sich als schwerkrank bezeichnet, kann nicht gleichzeitig behaupten, Kraft genug zu haben, sein eigener Verteidiger zu sein", so der Amsterdamer Rechtsprofessor Göran Sluiter. Brammertz hat bereits angekündigt, alles zu tun, um den Prozess kompakt und zügig verlaufen zu lassen.

Am Montag, wenn Brammertz dem Uno-Sicherheitsrat in New York seinen Halbjahresbericht vorlegt, will er sich lobend über Belgrad äußern. Mit der Festnahme von Mladic hätten die Serben eine der wichtigsten Verpflichtungen für den EU-Beitritt erfüllt.

Aber einer der insgesamt 161 Angeklagten, so der Chefankläger, sei immer noch auf freiem Fuß – der serbisch-kroatische Politiker Goran Hadzic: "Das darf nicht vergessen werden." (Kerstin Schweighöfer aus Den Haag /DER STANDARD, Printausgabe, 4.6.2011)