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Eine illegale Goldmine im Amazonasgebiet

Foto: REUTERS/Enrique Castro-Mendivil

Brasília/Jakarta - Das Motiv ist stets das gleiche: Es sind gewaltige Flächen, die für landwirtschaftliche Produktion genützt werden könnten - und im tropischen Klima wachsen Nutzpflanzen außerordentlich schnell. Also wird Regenwald gerodet.

In Indonesien und Malaysia ist es die Palmölproduktion, für die Regenwälder großflächig vernichtet werden - wobei vor allem durch die Brandrodungen gewaltige Mengen CO2 freigesetzt werden: Anhand von Daten der FAO wurde errechnet, dass zwischen 1990 und 2005 insgesamt 1,87 Millionen Hektar Palmölplantagen in Malaysia und mehr als drei Millionen Hektar in Indonesien angelegt wurden. Auf der Hälfte dieser Gebiete stand vorher Regenwald.

Dazu kommt danach der massive Einsatz von Pestiziden und Kunstdüngern in den Palmölplantagen, was das Grundwasser verseucht. Gleichzeitig wird aber auch das Trink- und Nutzwasser für die lokale Bevölkerung knapp - da die Plantagen einen gewaltigen Wasserverbrauch haben.

Symbolfigur für den Widerstand gegen die Palmölproduktion wurde inzwischen der Orang-Utan: Sein Lebensraum ist durch die Plantagen massiv bedroht.

Und das alles, um vor allem - Biosprit herzustellen. Im März dieses Jahres wurde in Singapur die weltgrößte Biodieselanlage eröffnet. Sie soll jährlich 800.000 Tonnen Kraftstoff herstellen - vor allem aus Palmöl aus Malaysia und Indonesien.

Die Palmölproduktion rückt auch den Regenwäldern in Kenia, Liberia, Elfenbeinküste, Kolumbien und Ecuador zu Leibe. Allein in Ecuador wurden in der Provinz Esmeralda binnen weniger Jahre 60.000 Hektar abgeholzt.

Jüngstes Beispiel: Die deutsche Organisation NatureFund warnte vergangene Woche, dass in Kamerun weitere 70.000 Hektar Regenwald für eine Ölpalmenplantage abgeholzt werden sollen. Das Gebiet grenze direkt an den Korup Nationalpark und die Rumpi Hills Waldreserve: "Ein Hotspot der Artenvielfalt", betont NatureFund in einer Aussendung. "Hier kommen 25 Prozent aller afrikanischen Primaten-Spezies vor, darunter Schimpansen und die sehr seltenen Drills."

Der Regenwald im Amazonasgebiet kommt indes von mehreren Seiten unter Druck. Auch hier ist die Biosprit-Produktion für die Vernichtung von Waldflächen schuld: Laut einer in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlichten Studie verdrängt vor allem im Südosten Brasiliens der intensivierte Anbau von Zuckerrohr (Ethanol) und Sojabohnen (Biodiesel) die Rinderzüchter. Jene weichen deshalb in die Nähe des Amazonas-Regenwaldes aus - und holzen dort Waldflächen ab.

Zerstörung auf breiter Front

Dem Soja-Anbau, der auch für die Futtermittel-Produktion große Bedeutung hat, wird aber gleichzeitig direkt Regenwald geopfert: Besonders betroffen ist der Bundesstaat Mato Grosso. Dort stieg die Waldzerstörung laut Analysen des Instituts für Weltraumforschung (Inpe) von August 2010 bis April 2011 um 43 Prozent. Und in Mato Grosso wird auf den gerodeten Flächen vor allem Soja produziert. Auch das Institut Imazon meldete nach Auswertungen von Satellitenbildern, dass in Mato Grosso allein im April 243 km² Wald abgeholzt worden seien - 537 Prozent mehr als im Vergleichsmonat des Vorjahres.

Dazu kommt aktuell das massiv kritisierte Staudammprojekt Belo Monte: 500 Quadratkilometer Urwald sollen geflutet werden, 20.000 Bewohner abgesiedelt - um ein 11.200-Megawatt-Kraftwerk zu schaffen.

Die Bilanz: Laut der Fachzeitschrift New Scientist waren schon Ende 2006 ungefähr 13 Prozent der Regenwälder in Brasilien abgeholzt. Und es ging weiter: Allein in den letzten fünf Monaten des Jahres 2007 wurden in Brasilien 3235 Quadratkilometer gerodet. Die 2008 eingeleiteten Notmaßnahmen der brasilianischen Regierung bremsten die Entwicklung nur kurzfristig. Aktuelle Auswertungen von Satellitenbildern belegten diesen Mai, dass die Waldzerstörung im brasilianischen Amazonasgebiet in den letzten Monaten wieder drastisch zugenommen hat.

Illegale Goldsuche

Präsidentin Dilma Rousseff versuchte gegenzusteuern - erlitt aber Ende Mai eine herbe Niederlage im Parlament: Dort wurde eine Novelle des Waldgesetzes beschlossen, mit der kleinere Landwirtschaftsbetriebe teilweise von der Wiederaufforstungspflicht illegal abgeholzter Waldflächen befreit würden. Jetzt hofft Rousseff, das Gesetz noch im Senat verhindern zu können.

In Peru ist es wiederum der immer weiter steigende Goldpreis, der die Zerstörung von Amazonas-Regenwäldern vorantreibt: Im Departement Madre de Dios hat sich das Ausmaß der Rodungen durch illegale Goldsucher in wenigen Jahren versechsfacht.

Zwischen 2003 und 2009 hätten die mit primitiver Technik arbeitenden Goldgräber allein in den zwei größeren Schürfgebieten Guacamayo und Colorado-Puquiri 7000 Hektar extrem artenreichen Regenwald zerstört, berichtet die Professorin Jennifer Swenson von der US-Universität Duke in Durham (North Carolina) im Online-Wissenschaftsjournal PLoSOne. Auch diese Waldvernichtung wurde über Analysen von Satellitenbildern entdeckt.

Und Satellitendaten waren es auch, die ein weiteres massives Problem für den Regenwald aufzeigten - das allerdings höchstwahrscheinlich durch den Klimawandel ausgelöst wurde: In nur sechs Jahren ereigneten sich im Amazonasgebiet zwei "Jahrhundertdürren" - erst 2005 und im Vorjahr schon wieder.

Laut einer Studie, die brasilianische und amerikanische Forscher im Fachblatt Geophysical Research Letters veröffentlichten, habe sich eine Fläche von 2,5 Millionen Quadratkilometer - etwa siebenmal so groß wie Deutschland - von der schweren Dürre im Vorjahr noch nicht wieder erholt. "Das vergangene Jahr war das trockenste seit Beginn der Aufzeichnungen vor 109 Jahren", wird Marcos Costa von der Föderalen Universität im brasilianischen Vicosa von Wissenschaft aktuell zitiert.

Forscher aus England und Brasilien befürchten nun in der Folge ein ausgedehntes Baumsterben, berichtet Science. Dadurch könnten fünf Mio. Tonnen CO2 freiwerden - das wäre fast der jährliche CO2-Ausstoß der USA. Ob diese Prognosen korrekt sind, ist allerdings noch sehr umstritten. (Roman David-Freihsl/DER STANDARD, Printausgabe, 4./5. 6. 2011)