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Das Tor in der letzten Minute...

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...ließ Österreich nach guter Leistung leer ausgehen.

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Wien - Als der Reigen vorbei war, sagte Österreichs Teamchef Dietmar Constantini: "Vom Spielerischen her war es okay. Aber zu guter Letzt haben wir verloren, und das ist natürlich bitter. Leider ist das nicht nur Zufall."

Ehe man ein Fußballspiel beginnt, muss es geplant werden. Constantini verschwendet seine Zeit nicht mit großen taktischen Überlegungen, schließlich komme es immer nur auf die ausführenden Kicker an, sagt er. Schnell müssten sie sein. Und Fehler sollten sie unterlassen. Genau das ist aber das traditionelle Problem der österreichischen Nationalmannschaft. Und kommt dann auch noch die schamlose Deutsche auf Besuch, frage nicht, da droht der Jammer. Constantini forderte deshalb gegen die Übermacht "einen Schuss Wahnsinn". Und Respektlosigkeit.

Die Aufstellung war durchaus interessant. Marc Janko drückte die Bank, eigentlich ist er drauf gesessen. Irgendwann wird der offizielle Kapitän in der Ära Constantini eine Depression aufreißen. Erwin Hoffer wurde ihm vorgezogen, er ist schneller. Ungefähr so rasant wie Martin Harnik, der Legionär von Stuttgart stand nie zur Diskussion. Dass Hoffer einen angeberischen Ferrari fährt, soll kein zusätzliches Argument gewesen. Das Mittelfeld wurde von Julian Baumgartlinger, Stefan Kulovits und Ekrem Dag gebildet, da schnalzte der Feinspitz mit der Zunge. In dieser Abteilung fehlte ein kreativer Posten. Zlatko Junuzovic teilte Jankos Los. Die Abwehr hat sich dafür aufgedrängt, Christian Gratzei im Tor, davor eine Kette mit den Gliedern Florian Klein, Emanuel Pogatetz, Paul Scharner und Kapitän Christian Fuchs.

Die Ausgangslage grenzte an eine Perversion. Um die noch winzige Chance auf die EM 2012 in Polen und der Ukraine zu wahren, musste Österreich gegen den vierten der Weltrangliste gewinnen. Immerhin nicht hoch. Als Nummer 74 ist das heikel. Die Geschichte vom Duell mit dem großen Bruder wird in Deutschland übrigens ziemlich ignoriert, deren Lieblingsrivalen heißen England und Niederlande, auch Italien hat man nicht ungern.

Bundestrainer Joachim Löw hatte die Seinen gewarnt. Er sprach von einem "angeschlagenen Boxer" und meinte die "gut besetzten" Österreicher. Hat man in der eigenen Mannschaft Kapazunder wiel Manuel Neuer, Phillip Lahm, Mesut Özil, Lukas Podolski oder Sami Khedira, kann man das schon ungestraft sagen. Angeschlagene Boxer sind bekanntlich gefährlich. Und die von Belgiern und Türken weichgeklopfte ÖFB-Auswahl legte vor 47.500 Zuschauern im ausverkauften Happel-Stadion tatsächlich los. Es wurde gekratzt, gebissen, gekämpft und auch noch die Ordnung bewahrt.

Besonders löblich war der Versuch, Fußball zu spielen, Chancen im Konter zu kreieren. In der vierten Minute köpfelte Harnik knapp daneben. Zwischen der siebten und neunten Minuten hatten allerdings die Deutschen gleich drei große Möglichkeiten, Höhepunkt war ein Lattenschuss von Podolski. Knapp vor der Pause hätte Hoffer fast das 1:0 erzielt (41.). Aber nur fast. Sein Schuss war doch kein Wahnsinn. Tore die man nicht macht, schießen die Deutschen. Nach einem Korner von Toni Kroos stocherte Mario Gómez den Ball über die Linie (44.). So sind sie, die Goalgetter. Fazit der ersten Halbzeit: Die Österreicher haben absolut mitgehalten, es war die beste Leistung seit langem. Das Ende war ein Wahnsinn, den Constantini nicht gewollt hat.

Die Respektlosigkeit

Wer dachte, das Team sei geschockt - und davon waren nahezu alle Menschen im Stadion überzeugt - irrte. Sie kamen hoch motiviert aus der Kabine, drückten, wollten es wissen. 50. Minute: Einen Stanglpass von Alaba lenkte Arne Friedrich ins eigene Tor zum 1:1. Die geforderte Respektlosigkeit war erfüllt. Die Deutschen wankten danach. Fast bis zum Schluss. Denn Gómez köpfelte in der 90. Minute nach Flanke von Lahm das 2:1. So sind sie halt.

Löws Männer werden die Gruppe gewinnen, sie bleiben bis Montag im charmanten Wien. Dann fliegen sie nach Baku, um am Dienstag das nicht ganz so gut besetzte Aserbaidschan zu schlagen. Die Österreicher reisten nach Abpfiff per Bus ins beschauliche Bad Tatzmannsdorf. Am Dienstag wird in Graz gegen Lettland geprobt. Man kann sich fast darauf freuen. Im Fußball ist nämlich alles möglich. Nur kein Sieg gegen Deutschland. Die EM wird ohne Österreich stattfinden.(Christian Hackl; DER STANDARD Printausgabe 4./5. Juni 2011)

Gruppe A:

Österreich - Deutschland 1:2 (0:1). Wien, Ernst-Happel-Stadion, 47.500 (ausverkauft), SR Massimo Busacca (SUI).

Torfolge: 0:1 (44.) Gomez, 1:1 (50.) Friedrich (Eigentor), 1:2 (90.) Gomez

Österreich: Gratzei - Klein, Scharner, Pogatetz, Fuchs - Dag (67. Junuzovic), Baumgartlinger, Kulovits, Alaba - Harnik (82. Royer) - Hoffer (88. Janko)

Deutschland: Neuer - Lahm, Friedrich, Hummels, Schmelzer - Khedira (69. Badstuber), Kroos (91. Aogo) - Müller, Özil, Podolski (67. Schürrle) - Gomez

Gelbe Karten: Baumgartlinger, Scharner bzw. Özil, Gomez