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<b>Nadia Al-Sakkaf</b> (34) ist seit 2005 Chefredakteurin und Herausgeberin der "Yemen Times". Ihr Engagement für  Menschen- und Frauenrechte wurde 2006 mit dem Gebran Tueni Award bedacht, dem"Pulitzerpreis der arabischen Welt". Am 7. Juni wird sie um 19 Uhr bei einer Veranstaltung von "Frauen ohne Grenzen" in der Akademie der Wissenschaften sprechen.

Foto: APA/EPA/Mounzer

Mit ihr sprach Julia Herrnböck.

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STANDARD: Das Szenario vom Jemen als gescheitertem Staat taucht immer wieder auf. Sehen Sie in den Entwicklungen der letzten Wochen mehr Chance oder mehr Gefahr für die Zukunft des Landes?

Al-Sakkaf: Jede Veränderung ist eine gute Sache. Wir alle wussten, dass der Umbruch kommen wird. Es ist unser Baby, das nach langer Anstrengung zur Welt gebracht wird.

STANDARD: Haben Sie Angst, dass das Land im Chaos versinken könnte?

Al-Sakkaf: Das Risiko ist da. Aber die revolutionären Kräfte haben alle erstaunt - den Westen wie auch unsere eigenen Leute. Bisher nahm man an, dass die Zivilgesellschaft schwach und wenig involviert sei. Unser Aufstand ist der längste und am besten organisierte in der ganzen Region, die Gestaltung muss in den Händen der Menschen liegen, die diesen Umbruch getragen haben. Es ist das erste Mal, dass die Menschen eine Verbindung zwischen Politik und dem Brot auf ihren Teller sehen.

STANDARD: Wie stellen Sie sich die Entwicklung vor?

Al-Sakkaf: Wir müssen jetzt Stabilität herstellen, es darf keine Plünderungen oder Selbstjustiz geben. Wir haben von Ägypten gelernt; es gibt Bürgerwehren in den Bezirken, auch Jugendliche wirken mit. Es muss Mikrokredite und Kommunalprojekte geben. Die Frauenbewegung muss jetzt an der Oberfläche bleiben. Das ist wie bei einem Erdbeben: Alles, was unter der Oberfläche war, kommt zum Vorschein. Im neuen Jemen ist Platz für gleiche Rechte. Wir wollen sichtbar bleiben. Im Unterschied zu Tunesien oder Ägypten, wo die Frauen noch mehr Rechte haben, fangen wir bei unter null an. Aber die Revolution hat alle Stereotypen aufgebrochen.

STANDARD: Saleh warnt immer wieder, dass Al-Kaida ohne ihn rasch an Boden gewinnen werde. Wie stehen Sie zu dieser These?

Al-Sakkaf: Es gibt religiöse Führer, die die Krise nutzen. Aber Terrorismus entsteht aus Armut. Viele junge Menschen im Jemen haben keine Hoffnung und wollen Helden sein. Man muss verstehen, dass Terrorismus ein ökonomisches Problem ist, wir müssen über Jobs und Perspektiven sprechen, um die Gewalt zu verhindern. Zwischen der Regierung und Al-Kaida gab es meiner Meinung nach eine organisiertere Beziehung, als sie zugeben.

STANDARD: Präsident Saleh will schon in einigen Tagen aus Saudi-Arabien zurückkehren. Glauben Sie, er wird bis zum bitteren Ende kämpfen?

Al-Sakkaf: Ja, das wird er.

STANDARD: Sie haben einmal in einem Interview gesagt, Frustration sei der Grund für Terrorismus. Was passiert, wenn die Revolution scheitert?

Al-Sakkaf: Es ist auf jeden Fall gefährlich. Die Erwartungen sind hoch. Vor allem die jungen Menschen glauben, wenn der Präsident das Land verlässt, wird sich die Situation schlagartig verbessern. Aber das ist ein Prozess, wir müssen das Land neu aufbauen. Die Leidenschaft und die Energie der Menschen müssen in dieser Zeit positiv kanalisiert werden.

STANDARD: Wie sehr hat sich Ihr Leben im Vergleich zum Vorjahr verändert?

Al-Sakkaf: Alles hat sich um 180 Grad gedreht. Planung ist nicht mehr möglich. Du weißt nie: Ist heute der Tag, an dem sie dich verhaften? Werden heute viele Menschen sterben? Müssen wir die Zeitung zusperren? Es ist eine anstrengende Zeit. Wir sind damit beschäftigt, am Leben zu bleiben.

STANDARD: Wie unabhängig kann Ihre Zeitung berichten?

Al-Sakkaf: So gut es eben geht. Aber wir bekommen wenig Unterstützung. Ich musste Umfang und Team der Yemen Times reduzieren. In manchen Fällen haben unsere Reporter ihr Leben riskiert.

STANDARD: Wie weit gehen Sie für die Wahrheit?

Al-Sakkaf: Es gibt eine rote Linie, die ich nicht überschreite. Nichts ist wertvoller als ein Menschen-leben. Wenn es zu gefährlich ist, verbiete ich meinen Leuten hinzugehen und mache ihnen klar: Wenn wir sterben, wer soll dann erzählen, was passiert ist? (DER STANDARD, Printausgabe, 6.6.2011)