Innsbruck - Wildromantisch eingepfercht zwischen gewaltige Gesteinsmassive, erweckt Innsbruck nicht unbedingt den Eindruck besonderer Weltoffenheit. Der Gegenbeweis ließe sich auf jeden Fall mit dem Internationalen Filmfestival Innsbruck (IFFI) antreten, dessen zwanzigste Ausgabe am Sonntag zu Ende ging. 1992 startete das Festival als "Amerika-Film-Festival", wobei schon damals lieber Richtung Süden als Richtung Norden geschaut wurde. Schwerpunkte liegen traditionell auf Filmen aus (und über) Afrika, Asien, Lateinamerika oder Osteuropa.

Rekapituliert wurden die letzten zwanzig Jahre mit über dreißig Filmen unter dem Motto "Lust und Leidenschaft", darunter Alicia en el pueblo de maravillas, Daniel Díaz Torres' Kritik an den Fehlentwicklungen der kubanischen Revolution aus dem Jahr 1990. Alicia gerät in den kleinen Ort Maravillas (zu deutsch: Wunder) und erlebt dort, ähnlich der Heldin aus Lewis Carrolls Alice im Wunderland, hochgradige Absurditäten. Tatsächlich übt der Film deutliche Kritik an Dogmatismus und Gleichmacherei der kubanischen Revolution.

Ob seiner Verdienste, die er sich in langen Jahren um das IFFI erworben hat, erhielt Torres heuer den Ehrenpreis. Im Wettbewerb wurde sein aktueller Film Lisanka gezeigt. Torres verzichtet darin auf drastische Darstellungen von Krieg oder Gewalt. Die kubanische Revolution liefert den Kontext, in dem die Figuren ihren Alltag leben, und doch scheint sie auf alles Einfluss zu haben. Lisanka und ihre Freunde Aurelio und Sergio erleben die Anfänge der Revolution bis hin zur Kubakrise.

Sowohl der bourgeoise und konterrevolutionäre Schönling Aurelio als auch Sergio, der sich mit Vollbart und Zigarre im Mundwinkel wie ein Miniatur-Che-Guevara geriert, sind verliebt in Lisanka. Die ist genervt vom revolutionären Hahnenkampf und bandelt lieber mit einem der Russen an, der auf dem sowjetischen Militärstützpunkt in der Nähe stationiert ist. Auch der verfällt ihr rettungslos, und es stellt sich die Frage: Geht es den Männern tatsächlich um die Frau? Oder ist es etwas anderes, das sie so verzweifelt besitzen wollen?

Vertrauen und Verrat

Auch in Mahamat-Saleh Harouns Un homme qui crie bildet das Politische lediglich den Rahmen für das Private. Der Bürgerkrieg ist im Tschad latent anwesend, jedoch hauptsächlich durch Nachrichten im Radio oder Soldaten, die im Hintergrund stehen. Etwa in jenem Luxushotel, in dem Adam, ehemals Wettkampfschwimmer und von allen "Champion" gerufen, als Bademeister arbeitet. Das Schwimmbecken ist sein Leben, doch als chinesische Investoren das Hotel übernehmen, wird Sohn Abdel Chef am Beckenrand. Auch der Bürgerkrieg rückt immer näher. In ruhigen Bildern erzählt der Film von Vertrauen, Rivalität und Verrat zwischen Vater und Sohn.

In Cannes gewann der Film letztes Jahr den Jury-Preis, in Innsbruck nun den Südwind-Filmpreis. Die ägyptisch-schweizerische Koproduktion Sira - Songs of The Crescent Moon von Sandra Gysi und Ahmed Abdel Mohsen erhielt den Dokumentarfilmpreis, der Publikumspreis ging an Letters from The Desert - Eulogy to Slowness von der Italienerin Michaela Occhipinti.

Den Filmpreis des Landes Tirol, so ließ die Jury verlauten, wolle man nicht an einen der beiden Weltstars Torres oder Haroun vergeben. Stattdessen kürte sie Le Poids du Serment von Regisseur Kollo Daniel Sanou aus Burkina Faso. Sanou stellt hier die traditionelle animistische Religion einer Dorf- und Jagdgemeinschaft einer berechnenden christlichen Sekte gegenüber. Der strenge Ehrenkodex der Jägergemeinschaft wird von einem der Mitglieder gebrochen. Dieser an den Bruderzwist von Kain und Abel erinnernde Sündenfall zwingt in der Folge zur Hinterfragung von Grundsätzen und Überzeugungen.

Insofern ist der Film der perfekte Preisträger für dieses Festival: Auch hier wird allerorten zur Infragestellung des Überkommenen eingeladen. (Andrea Heinz, DER STANDARD - Printausgabe, 7. Juni 2011)