Damaskus/Kairo - Die syrischen Sicherheitskräfte hätten über große Teile der Provinz Idlib die Kontrolle verloren, schrieb am Dienstag die regierungsnahe Zeitung al-Watan. Das Blatt berichtete von bewaffneten Kräften, die die Straßen entlang Sprengfallen gelegt und Dörfer angegriffen hätten. Die syrische Armee sei nun dabei, eine sehr heikle Operation zu lancieren, die so angelegt sei, dass Opfer in Jisr al-Shughur möglichst vermieden würden. In der Provinz Idlib wurden als einziger im ganzen Land die Schulexamen auf unbestimmte Zeit verschoben.

Die Regierung hatte erklärt, in Jisr al-Shughur hätten in den vergangenen Tagen bewaffnete Gangs 120 Sicherheitskräfte getötet, und eine massive Vergeltungsaktion angekündet. Die Schilderung der Zeitung, deren Chefredakteur gute Kontakte zu Präsident Bashar al-Assad hat, stützt die These, dass es sich bei den Ereignissen im Nordwesten um Zusammenstöße innerhalb der Sicherheitskräfte handelt.

Im Internet war ein Video zu sehen, dass Bewohner der Stadt bei einem friedlichen Protest mit Olivenzweigen zeigte. Sie baten die Armee, draußen zu bleiben. In der Region von Jisr al-Shughur hat das Regime tausende Soldaten von Eliteeinheiten und viele Panzer zusammengezogen. Es soll sich um eine gefürchtete Brigade handeln, die von Maher, dem jüngeren Bruder Präsident Assads, kommandiert werden. Auf den Dächern wurden Scharfschützen postiert, der Strom ist ausgefallen.

Aus Angst vor einem Angriff ist der Großteil der Bevölkerung geflohen. Augenzeugen berichteten von einer Geisterstadt. Rund 200 Personen überquerten bis Mittwoch die nahe Grenze zur Türkei. Mehr als 30 Verwundete würden in Spitälern der Region behandelt, erklärten die türkischen Behörden. Man sei auf einen Massenansturm vorbereitet.

Am Dienstag gab die "Jugendkoalition der Freiheitsrevolution" in Damaskus ihre Gründung bekannt. Sie versteht sich als führende Organisatorin der Demokratiebewegung im Land. Sie will so lange kämpfen, bis die Menschen ihre Freiheit und ihre Würde gewonnen hätten. Die ethnisch und religiös gemischte Koalition wird sich auch um die Familien der Toten, die Verwundeten und die Verhafteten kümmern.

Großbritannien und Frankreich wollten noch am Mittwoch im UN-Sicherheitsrat eine Resolution einbringen, die die Repression in Syrien verurteilt, aber keine Sanktionen oder Militäraktionen verlangt. Mit Blick auf ein mögliches Veto Russlands und Chinas erklärte der britische Premier David Cameron vor dem Unterhaus in London, wer die Resolution ablehne, müsse das mit seinem eigenen Gewissen ausmachen. (Astrid Frefel/DER STANDARD, Printausgabe, 9.6.2011)