Ob arabischer Frühling, Proteste in Griechenland und Spanien oder Uni-Besetzung in Österreich: In all diesen Bewegungen spielte die Kommunikation über Social Media wie Facebook und Twitter eine zentrale Rolle. Laszlo Trankovits, seit Jahrzehnten Auslandskorrespondent und Social Media-Experte, warnt in seinem neuen Werk "Weniger Demokratie wagen: Wie Wirtschaft und Politik wieder handlungsfähig werden" (Frankfurter Allgemeine Buch) nun davor, dass sich die Volksvertreter zu sehr von der virtuellen Stimme der Bürger treiben lassen könnten. "Das wäre eine Gefährdung der repräsentativen Demokratie", sagte der Journalist der APA.

"Ihre Bedeutung wird auch weiter steigen"

Der Einfluss der Social Media ist unbestritten. "Ihre Bedeutung wird auch weiter steigen", so Trankovits. Bereits in seinem Buch "Die Obama Methode" hat der dpa-Korrespondent die Wichtigkeit der Online-Aktivitäten im Wahlkampf von US-Präsident Barack Obama dargelegt.

Mit dem Einfluss der Social Media geht allerdings auch ein Trend einher: Abseits der "Player" des demokratischen Spieles bilden sich lose Gemeinschaften von "Wutbürgern", die sich dem Prozess verweigern, aber online poltern. "Sie sind gegen alles, sind wütend, haben keine Lösungen, aber wollen gehört werden", sagte der Autor. Wenn sich die Politik und soziale Einrichtungen wie Gewerkschaften oder Kirchen von diesen treiben lassen, dann könnte das letztlich sogar die Demokratie aushöhlen. "In den Social Media sind ja nicht 'alle' vertreten, die repräsentative Demokratie hat allerdings gerade den Anspruch 'alle' zu vertreten", meinte der Autor.

"Man kann schnell einmal 'gefällt mir' drücken und sich dann besser fühlen"

Zudem werden die Social Media auch zu einer Art Scheinaktivismus genützt. "Man kann schnell einmal 'gefällt mir' drücken und sich dann besser fühlen", sagte Trankovits. Mit einem tatsächlichen Engagement hat das allerdings nichts zu tun. Ein Beispiel dafür: Nach der Plagiats-Affäre des ehemaligen deutschen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, schlug dem Politiker eine ungeahnte Sympathie-Welle auf Facebook entgegen: 1,5 Millionen Bürger unterstützten ihn virtuell. Als die Betreiber aber zu einer Demo in der realen Welt aufriefen, war die Bilanz ernüchternd. Es tauchten nur einige hundert Menschen auf.

"Solange sie kein Programm und keine Lösungen haben, werden sie verpuffen"

Und selbst die Proteste in Spanien und Griechenland werden Trankovits zufolge nicht von Dauer sein, solange sie lediglich von einer wütenden Web 2.0-Masse getragen wird, die alles ablehnt. "Solange sie kein Programm und keine Lösungen haben, werden sie verpuffen", sagte der Autor. Was droht, ist eine "unpolitische Radikalisierung" von Personen, die selbst vor Übergriffen auf staatliche Institutionen nicht zurückschrecken könnten.

Ein Aspekt, den die etablierten "Player" aber zur Kenntnis nehmen müssen, ist, dass Bürger dank der Social Media auch an ihnen vorbei Proteste organisieren können. Bestes Beispiel dafür war die Besetzung der Uni in Wien Ende 2009, die sich spontan rein aus Frust über die Zustände am Campus gebildet haben. Tagelang wussten Journalisten und Politiker nicht einmal, wer der Ansprechpartner war. "Dieser Trend wird sicherlich zunehmen", prognostizierte der Autor.

In den Social Media sind aber nicht nur Gefahren, sondern auch enorme Chancen für die Demokratie. Beinahe alle große Organisationen und Parteien sind inzwischen auf Facebook und Co. vertreten. "Die Kluft zwischen Politik und Bürgern ist sicherlich kleiner geworden", sagte Trankovits. (APA)