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Als die Russen in Deutschland dem Glück nachjagten: Die Erbtante (Sophie Rois) bedroht den Hauslehrer Alexej (Alexander Scheer), das restliche Volksbühnen-Ensemble nimmt müde Anteil.

Foto: Techt/APA

Wien - Unter den Meister- und Mammutromanen Fjodor Dostojewskijs genießt Der Spieler (1866) - ohnedies ein dünneres Buch - die besonderen Weihen der autobiografischen Wahrhaftigkeit. In einer Atmosphäre hektischer, migrantischer Betriebsamkeit setzt ein Häuflein Russen in den Spielbanken Deutschlands Jeton um Jeton auf "Zero".

Es bleibt jederzeit nachvollziehbar im Theater an der Wien, was Regie-Altmeister Frank Castorf am "Roulettenburger" Bankrott interessiert haben könnte: Unstete Menschen mit flackernden Augen fallen auf die Glücksverheißungen des Spielbank-Kapitalismus blindlings herein. Sie ruinieren sich absehbar. Ihre Süchte sind aber auch kostbare Transportgüter: Das Bedürfnis nach dem Glücksspiel dient ihnen als Überlebensmittel, um die Verkommenheit der Welt ringsum zu ertragen.

Das immer noch konkurrenzlose Ensemble der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz tut ein Übriges. Es reist auf Bert Neumanns Sperrholz-Drehbühne auf Dostojewksijs Romanspuren nach Baden-Baden, von dort weiter nach Paris. Aber es verlässt niemals den Prenzlauer Kiez, in dem langbeinige russische Hostessen (Margarita Breitkreiz) genauso unterkriechen wie ein französischer "Marquis" aus Wien-Favoriten (Georg Friedrich) oder eine Londoner Edgar-Wallace-Figur (Mex Schlüpfer).

Hoffen auf die Tante

Ein pyknischer General (Hendrik Arnst) mit kolossalen Außenständen wartet im "Roulettenburger" Exil auf die erlösende Nachricht vom Ableben der Erbtante (Sophie Rois). Sein Hauslehrer Alexej (Alexander Scheer) erlebt alle Schicksalszustände, die ihn im Roman der Reihe nach plagen, möglichst auf einmal: Er kriecht als Stoffschildkröte den halbseidenen Damen nach. Er beleidigt den anwesenden Marquis, indem er behauptet, die Franzosen fräßen "Kinder".

Scheer, dürr wie ein Windhund, dabei verschwärmt wie Goethes Werther, jongliert mit den Menschen und Tatsachen nach Belieben. Er sperrt die Augen auf, sobald ihn die geliebte Polina (Kathrin Angerer) mit ihren Neuköllner Dialekttiraden unter den Roulettetisch predigt. Castorf fügt der langen Ahnengalerie der Volksbühnen-Desperados ein Junggenie hinzu: Auf Hübchen, Wuttke, Peschel folgt der Rächer aller von den Spielbanken Enterbten, Alexander Scheer.

Castorfs Interesse an Dostojewskij gilt der "Null": Gier und Geiz wurden von den Sachwaltern der Konsumgesellschaft zu notwendigen Sekundärtugenden erhoben. Pathologische Anwandlungen wie die Spielsucht sperren sich jedoch mit Nachdruck gegen ihre Verwertbarkeit. Besteht im Zurückweisen der "Warenform", im mutwilligen "Zertrümmern" der Theaterform aber nicht gerade der Kern von Castorfs Ästhetik?

So gleicht dieser vorbildlich anarchische Regisseur - er leitet die Volksbühne seit bald 20 Jahren - einem Feldherren, der an drei, vier Fronten gleichzeitig kämpft: Überforderung ist ihm ein notwendiges Übel. Den Romanstoff zerrt er in schmutzigen Bahnen vom Ballen herunter. Die Figuren sperrt er in angedeutete Rokoko-Flüsterzimmer, oder er jagt sie vor einen Fototapeten-Hänger, auf dem gerade Ex-Rolling-Stone Brian Jones den Gang zum Untersuchungsrichter antritt (Suchtmittelmissbrauch).

Die schönste, längst zur Perfektion getriebene Castorf-Verwirrtaktik aber besteht im Zooming der Handkamera. Einerseits werden die Schauspieler in den unmöglichsten Winkeln hinter der Bühne verräumt. Andererseits erscheinen die Gesichter zeitgleich in Kinoleinwandgröße auf der Bühne. Dort sind sie gerade durch die Zwischenschaltung der Apparatur zur Wahrhaftigkeit verdonnert. Die Zurichtung von Weltliteratur auf das TV-Format erzeugt ein kognitives Flimmern: Die LED-Wand rückt den Russen unverschämt auf den Pelz. Bei Castorf heißt das: "Offener Kanal Baden-Baden!"

Fünf Stunden Chaos

Wenn fünf Stunden Der Spieler nach zwölf Uhr endlich vorübergetobt sind, stolpert man selig überfordert auf die Linke Wienzeile hinaus. Begonnen hatte diese Koproduktion mit den Wiener Festwochen als Tür-auf-Tür-zu- Groteske: als späte Verbeugung vor Feydeau und Labiche.

Mit dem Hereinrauschen der quicklebendigen Erbtante (Rois) - sie sitzt fistelnd in einer Sänfte, um die Erbschaftsgeier sogleich pythongleich anzufauchen - atmet das Stück gewohntes Volksbühnen-Flair.

Je länger der Abend dauert, desto grausamer poltern die einzelnen Werkproben und Montageblöcke gegen die Wand. Castorf lässt seine Schauspieler atemringend ihr Geld verspielen und ihre Arien (auf Russisch oder Wienerisch) plärren. Die Produktion Der Spieler ist so grobmotorisch wie unsere gierkapitalistische Welt. Ein klarer Fall von Glück im Spiel. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe 11./12./13.5.2011)