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"Ich bin nicht dafür Schulnoten abzuschaffen. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, die sehr oft Rankings, Ratings und Bewertungen vornimmt, das ganze Berufsleben hindurch."

Foto: REUTERS/Lisi Niesner

Mehr Eigenverantwortung und eine bessere Vorbereitung für die Universität erhofft sich Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) von einer Oberstufe mit Modulsystem. Warum Sitzenbleiben nicht zum Erfolg führt und sie Noten beibehalten will, erklärt sie im derStandard.at-Inteview. Die Fragen stellten Lisa Aigner und Rosa Winkler-Hermaden.

Details zur neuen Oberstufe gibt es hier.

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derStandard.at: Bis 2016 soll die Oberstufe an allen Schulen umgestellt werden. Was soll das neue Kurssystem bringen?

Schmied: Mehr Verantwortung für die Schüler und Schülerinnen, effizientere Bildungswege und ein Stück mehr Freude am Lernen. Das, was positiv abgeschlossen wurde, geht nicht verloren - auch wenn man die Klasse wegen mehr als vier Fünfern wiederholen muss.

derStandard.at: ÖVP-Bildungssprecher Werner Amon hat angekündigt, dass die SchülerInnen künftig "gefördert und gefordert" werden sollen. Mit welchen Maßnahmen?

Schmied: Der Lehrstoff wird viel besser gegliedert. Innerhalb eines Semesters werden zumindest zwei Lernmodule gebildet. Das Lerngebiet für die Schüler wird damit übersichtlicher. Man kann es in den einzelnen Modulen und Teilen abschließen. Das heißt, wenn man in einem Modul negativ ist, kann man sich wirklich auf dieses Stoffgebiet konzentrieren und muss nicht den Lehrplan eines ganzen Jahres nachholen.

Sollte ein Bereich negativ sein, hat der Schüler auf jeden Fall das Recht, einen Lernbegleiter in Anspruch zu nehmen. Das ist freiwillig. Ich glaube, dass ein Mentor in einer solchen schwierigen Phase sehr positiv wirken kann. Es muss an den Schulstandorten entsprechender Förderunterricht angeboten werden. Bei den großen Schulen werden das Kurse sein, da werden mehrere Schüler zusammenkommen. Bei kleineren Schulstandorten wird dieser Förderunterricht individueller sein. Wir dürfen nicht vergessen, es geht um die Oberstufe: da sind die SchülerInnen schon ein bisschen fortgeschrittener - auch in ihrer Lernkultur. Wir wollen sich auch schon besser in Richtung universitäre Bildung führen. Das heißt, mehr Eigenverantwortung, mehr Eigenständigkeit, bessere Portionierung des Lernstoffes - und Positives geht nicht verloren.

derStandard.at: Warum bleibt der Klassenverband erhalten? Der ursprüngliche Plan war es, ein komplettes Kurssystem einzuführen.

Schmied: Das Kurssystem bleibt für größere Schulstandorte bestehen. Wenn mehrere Schüler zusammenkommen, wird es einen Kurs geben. Bei kleineren Schulen nicht.

derStandard.at: Glauben Sie, dass die künftigen Mentoren leicht zu finden sein werden oder rechnen Sie mit Konflikten mit der Lehrergewerkschaft?

Schmied: Nein, ganz und gar nicht. Ob das die Bildungsstandards sind, die neue Matura, die Individualisierung des Unterrichts - wir kommen immer stärker hin zu einer Orientierung, die nicht mehr heißt: "Ich und mein Fach und meine Klasse", sondern "Wir und unsere Schule". Es gibt mehr Eigenverantwortung der Schüler, es wird regelmäßig mit den neuen Bildungsstandards zu Feedbackgesprächen kommen. Das zu kultivieren und dazu beizutragen, das wird der wahre Paradigmenwechsel in der Schule sein: miteinander am Erfolg arbeiten und nicht gegeneinander.

derStandard.at: Sollen die Module vom Lehrer, von der Schule oder vom Ministerium zusammengestellt werden?

Schmied: Die Module werden sich aus dem Lehrplan ergeben. Das wollen wir aber nicht starr vom Minoritenplatz vorgeben. Das wird sich am Schulstandort entwickeln.

derStandard.at: Das Sitzenbleiben wird de facto abgeschafft. Warum ist Ihnen das so ein Anliegen?

Schmied: Das Sitzenbleiben führt erstens nicht zum Erfolg und wirkt meistens demotivierend. Der Schüler wird oft aus seinen sozialen Kontakten herausgerissen und die Erfolge sind nicht berauschend. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der sitzengeblieben ist, dann zum Spitzenschüler wird, ist sehr gering. Das ist keine leistungsfördernde Maßnahme. Die Schulversuche zeigen uns, dass es anders besser geht.

derStandard.at: Warum wollen Sie das Sitzenbleiben in der Unterstufe nicht abschaffen?

Schmied: Ich muss ehrlich sagen, wir haben so viele bildungspolitische Themen im Augenblick und ich bin froh, dass wir nun regierungsintern die Einigung auf den Oberstufenbereich haben. Das heißt nicht, dass wir nicht auch über Reformen in der Unterstufe nachdenken sollten, aber erwiesenermaßen - das sieht man auch in der Statistik - ist Sitzenbleiben ein Thema der Oberstufe.

derStandard.at: Rechnen Sie damit, dass Sie für die Förderkurse und die Lernbegleitung genügend Personal finden werden? Es herrscht jetzt schon Lehrermangel.

Schmied: Ich gehe davon aus, dass die Lehrer am Schulstandort das sehr gerne wahrnehmen werden. Es wird die Schulpartnerschaft, die Schulidentität und das Wir-Gefühl stärken. Klar ist, dass es entsprechende finanzielle Leistungen notwendig machen wird. Das können wir nicht gratis verlangen. Aber da mache ich mir keine Sorgen, da wird die Lehrergewerkschaft schon darauf achten. Jetzt warten wir die Begutachtungsfrist ab.

derStandard.at: Von den Grünen gab es die Forderung die Noten in der Volksschule abzuschaffen. Was sagen Sie dazu?

Schmied: Ich bin nicht dafür Schulnoten abzuschaffen. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, die sehr oft Rankings, Ratings und Bewertungen vornimmt, das ganze Berufsleben hindurch. Was ich für sehr sinnvoll halte, ist das jetzige Notensystem zu ergänzen, um verbale Beschreibungen oder mit näheren Detailangaben, damit der Schüler auch zielgerichtet nachlernen kann.

derStandard.at: Warum braucht man Noten, warum reichen nicht Detailangaben?

Schmied: Ich bin mir ziemlich sicher, wenn wir die Noten abschaffen würden, würden sich binnen kürzester Zeit Sprachkürzel einstellen. So wie bei verbalen Beurteilungen in Unternehmen. Wenn Sie lesen "Er hat sich sehr bemüht", dann weiß jeder, was los war. Es würde sich sehr rasch ein den Noten vergleichbarer Code herausbilden.

derStandard.at: Die Neue Mittelschule war heute kein Thema. Haben Sie es schon aufgegeben eine richtige Gesamtschule einzuführen?

Schmied: Mit der ÖVP ist sie zum jetzigen Zeitpunkt nicht durchführbar. Was aber nicht heißt, dass mein Ziel nicht die gemeinsame Schule der 10- bis 14-jährigen ist. Daran halte ich fest.

derStandard.at: Wann kommt die Türkisch-Matura?

Schmied: Auch das ist ein Thema, das nicht im Regierungsprogramm enthalten ist. Ich sehe das ganz entspannt und unverkrampft. Wir haben bisher vierzehn Sprachen, die man sich aussuchen kann als zweite lebende Fremdsprache. Ich hätte nichts dagegen hier eine fünfzehnte oder eine sechzehnte einzuführen. Es ist völlig klar, dass Deutsch die Unterrichtssprache bleiben wird. Ich dränge jetzt nicht, es ist nicht im Regierungsprogramm enthalten. Wenn der Regierungspartner nicht mitzieht, ist es nicht umsetzbar. Wir haben jetzt größere und andere Themen. (derStandard.at, 14.6.2011)